I-II, q. 36 a. 2
Ob das Begehren eine Ursache der Trauer ist?
Quaestio 36 · Von den Ursachen der Trauer oder des Schmerzes
Einwand 1: Es scheint, dass das Begehren keine Ursache von Schmerz oder Trauer ist. Denn die Trauer betrachtet an sich das Übel, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]), wohingegen das Begehren eine Bewegung des Strebevermögens hin zum Guten ist. Nun ist die Bewegung zu dem einen Gegenteil nicht die Ursache der Bewegung zu dem anderen Gegenteil. Also ist das Begehren keine Ursache des Schmerzes.
Einwand 2: Ferner wird der Schmerz nach Damascenus (De Fide Orth. ii, 12) durch etwas Gegenwärtiges verursacht; der Gegenstand des Begehrens ist hingegen etwas Zukünftiges. Also ist das Begehren keine Ursache des Schmerzes.
Einwand 3: Ferner ist das, was an sich angenehm ist, keine Ursache von Schmerz. Das Begehren aber ist an sich angenehm, wie der Philosoph sagt (Rhet. i, 11). Also ist das Begehren keine Ursache von Schmerz oder Trauer.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Enchiridion xxiv): „Als die Unwissenheit über die zu tuenden Dinge und das Begehren nach schädlichen Dingen eindrangen, schlichen sich Irrtum und Schmerz in ihrer Begleitung ein.“ Aber Unwissenheit ist die Ursache des Irrtums. Also ist das Begehren eine Ursache der Trauer.
Ich antworte darauf, Die Trauer ist eine Bewegung des sinnlichen Strebevermögens. Nun ist, wie oben gesagt (Artikel [1]), die Bewegung des Strebevermögens dem natürlichen Streben ähnlich; eine Ähnlichkeit, die einer zweifachen Ursache zugeschrieben werden kann: einerseits von Seiten des Ziels, andererseits von Seiten des Bewegungsprinzips. So ist von Seiten des Ziels der niedrigere Ort die Ursache der Abwärtsbewegung eines schweren Körpers, während das Prinzip dieser Bewegung eine natürliche Neigung ist, die aus der Schwere resultiert.
Nun ist die Ursache der Bewegung des Strebevermögens von Seiten des Ziels der Gegenstand dieser Bewegung. Und so wurde oben gesagt (Artikel [1]), dass die Ursache von Schmerz oder Trauer ein gegenwärtiges Übel ist. Andererseits ist die Ursache dieser Bewegung nach Art eines Prinzips die innere Neigung des Strebevermögens; diese Neigung betrachtet zuallererst das Gute und in der Folge die Zurückweisung eines entgegengesetzten Übels. Daher ist das erste Prinzip dieser Bewegung des Strebevermögens die Liebe, welche die erste Neigung des Strebevermögens zum Besitz des Guten ist; während das zweite Prinzip der Hass ist, welcher die erste Neigung des Strebevermögens zur Vermeidung des Übels ist. Da aber die Begierde oder das Begehren die erste Wirkung der Liebe ist, welche die größte Freude hervorruft, wie oben dargelegt (Frage [32], Artikel [6]), kommt es daher, dass Augustinus oft von Begehren oder Begierde im Sinne von Liebe spricht, wie ebenfalls dargelegt wurde (Frage [30], Artikel [2], zu 2); und in diesem Sinne sagt er, dass das Begehren die allgemeine Ursache der Trauer ist. Manchmal jedoch ist das Begehren, in seinem eigentlichen Sinne genommen, die Ursache der Trauer. Denn was immer eine Bewegung daran hindert, ihr Ziel zu erreichen, ist dieser Bewegung entgegengesetzt. Nun ist das, was der Bewegung des Strebevermögens entgegengesetzt ist, eine Ursache der Trauer. Folglich wird das Begehren insofern zu einer Ursache der Trauer, als wir über die Verzögerung eines begehrten Gutes oder über dessen gänzlichen Entzug trauern. Aber es kann keine allgemeine Ursache der Trauer sein, da wir mehr über den Verlust eines gegenwärtigen Gutes trauern, an dem wir bereits Freude hatten, als über den Entzug eines zukünftigen Gutes, das wir zu haben begehren.
Zu Einwand 1: Die Neigung des Strebevermögens zum Besitz des Guten verursacht die Neigung des Strebevermögens, vor dem Übel zu fliehen, wie oben dargelegt. Und daher kommt es, dass die Bewegungen des Strebevermögens, die das Gute betrachten, als Ursachen der Bewegungen des Strebevermögens gerechnet werden, die das Übel betrachten.
Zu Einwand 2: Das, was begehrt wird, ist zwar real zukünftig, aber dennoch in gewisser Weise gegenwärtig, insofern es erhofft wird. Oder wir können sagen, dass, obwohl das begehrte Gute selbst zukünftig ist, das Hindernis doch als gegenwärtig gerechnet wird und so Anlass zur Trauer gibt.
Zu Einwand 3: Das Begehren bereitet Freude, solange Hoffnung besteht, das Begehrte zu erlangen. Wenn aber die Hoffnung durch die Anwesenheit eines Hindernisses genommen wird, verursacht das Begehren Trauer.