I-II, q. 36 a. 1
Ob die Trauer durch den Verlust des Guten oder durch die Anwesenheit des Übels verursacht wird?
Quaestio 36 · Von den Ursachen der Trauer oder des Schmerzes
Einwand 1: Es scheint, dass die Trauer eher durch den Verlust eines Gutes als durch die Anwesenheit eines Übels verursacht wird. Denn Augustinus sagt (De viii Questions. Dulcit. qu. 1), dass die Trauer durch den Verlust zeitlicher Güter verursacht wird. Daher wird in gleicher Weise jede Trauer durch den Verlust irgendeines Gutes verursacht.
Einwand 2: Ferner wurde oben gesagt (Frage [35], Artikel [4]), dass die Trauer, die einer Freude entgegengesetzt ist, denselben Gegenstand hat wie diese Freude. Der Gegenstand der Freude aber ist das Gute, wie oben dargelegt wurde (Frage [23], Artikel [4]; Frage [31], Artikel [1]; Frage [35], Artikel [3]). Also wird die Trauer hauptsächlich durch den Verlust des Guten verursacht.
Einwand 3: Ferner ist nach Augustinus (De Civ. Dei xiv, 7,9) die Liebe die Ursache der Trauer, wie auch der anderen Gemütsbewegungen der Seele. Der Gegenstand der Liebe aber ist das Gute. Daher empfindet man Schmerz oder Trauer eher wegen des Verlustes des Guten als wegen eines gegenwärtigen Übels.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 12): „Das befürchtete Übel erzeugt Furcht, das gegenwärtige Übel ist die Ursache der Trauer.“
Ich antworte darauf, Wenn Beraubungen, so wie sie vom Geist betrachtet werden, das wären, was sie in der Wirklichkeit sind, so schiene diese Frage ohne Bedeutung zu sein. Denn wie im ersten Teil (Frage [14], Artikel [10] und Frage [48], Artikel [3]) dargelegt wurde, ist das Übel die Beraubung des Guten; und Beraubung ist in der Wirklichkeit nichts anderes als das Fehlen der entgegengesetzten Beschaffenheit (habitus); so dass es in dieser Hinsicht dasselbe wäre, über den Verlust des Guten zu trauern wie über die Anwesenheit des Übels. Aber die Trauer ist eine Bewegung des Strebevermögens infolge einer Auffassung; und selbst eine Beraubung hat, insofern sie aufgefasst wird, den Aspekt eines Seienden, weshalb sie ein „Gedankending“ (ens rationis) genannt wird. Und auf diese Weise wird das Übel, da es eine Beraubung ist, als ein „Gegenteil“ betrachtet. Dementsprechend macht es, was die Bewegung des Strebevermögens betrifft, einen Unterschied, welches von beiden sie hauptsächlich betrachtet: das gegenwärtige Übel oder das verlorene Gute.
Da ferner die Bewegung des sinnlichen Strebevermögens in den Handlungen der Seele denselben Platz einnimmt wie die natürliche Bewegung in den natürlichen Dingen, ist die Wahrheit der Sache durch die Betrachtung der natürlichen Bewegungen zu finden. Wenn wir nämlich bei den natürlichen Bewegungen jene der Annäherung und des Rückzugs beobachten, so ist die Annäherung an sich auf etwas der Natur Angemessenes gerichtet, während der Rückzug an sich auf etwas der Natur Entgegengesetztes gerichtet ist; so zieht sich ein schwerer Körper von selbst von einem höheren Ort zurück und nähert sich von Natur aus einem niedrigeren Ort. Betrachten wir aber die Ursache beider Bewegungen, nämlich die Schwere, so neigt die Schwere selbst mehr zum niedrigeren Ort hin, als dass sie sich vom höheren Ort zurückzieht, da der Rückzug von letzterem der Grund für ihre Tendenz nach unten ist.
Da nun in den Bewegungen des Strebevermögens die Trauer eine Art Flucht oder Rückzug ist, während die Freude eine Art Verfolgung oder Annäherung ist, so betrachtet die Trauer das gegenwärtige Übel, so wie die Freude zuerst das besessene Gute als ihren eigentlichen Gegenstand betrachtet. Andererseits betrachtet die Liebe, welche die Ursache von Freude und Trauer ist, eher das Gute als das Übel. Und deshalb ist, insofern der Gegenstand die Ursache einer Leidenschaft ist, das gegenwärtige Übel eigentlicher die Ursache von Trauer oder Schmerz als das Gute, das verloren ist.
Zu Einwand 1: Der Verlust des Guten selbst wird als ein Übel aufgefasst, so wie der Verlust des Übels als ein Gut aufgefasst wird; und in diesem Sinne sagt Augustinus, dass der Schmerz aus dem Verlust zeitlicher Güter resultiert.
Zu Einwand 2: Freude und ihr Gegenteil, der Schmerz, haben denselben Gegenstand, aber unter entgegengesetzten Aspekten: Denn wenn die Anwesenheit einer bestimmten Sache der Gegenstand der Freude ist, so ist die Abwesenheit derselben Sache der Gegenstand der Trauer. Nun schließt das eine Gegenteil die Beraubung des anderen ein, wie in Metaph. x, 4 dargelegt wird; und folglich ist die Trauer in Bezug auf das eine Gegenteil in gewisser Weise auf dieselbe Sache unter einem entgegengesetzten Aspekt gerichtet.
Zu Einwand 3: Wenn viele Bewegungen aus einer Ursache entstehen, folgt daraus nicht, dass sie alle hauptsächlich das betrachten, was die Ursache hauptsächlich betrachtet, sondern nur die erste von ihnen. Und jede der anderen betrachtet hauptsächlich das, was ihr gemäß ihrer eigenen Natur angemessen ist.