I-II, q. 34 a. 4
Ob die Lust das Maß oder die Regel ist, nach der man über moralisch Gut oder Böse urteilt?
Quaestio 34 · Von der Güte und Bosheit der Lüste
1. Einwand: Es scheint, dass die Lust nicht das Maß oder die Regel für moralisch Gut und Böse ist. Denn „dasjenige, was das Erste in einer Gattung ist, ist das Maß für den ganzen Rest“ (Metaph. X, 1). Aber die Lust ist nicht das Erste in der moralischen Gattung, denn ihr gehen Liebe und Begehren voraus. Daher ist sie nicht die Regel für Güte und Bosheit in moralischen Dingen.
2. Einwand: Ferner sollte ein Maß oder eine Regel einheitlich sein; daher ist jene Bewegung, die am einheitlichsten ist, das Maß und die Regel aller Bewegungen (Metaph. X, 1). Aber Lüste sind verschieden und vielgestaltig: da einige von ihnen gut und einige schlecht sind. Daher ist die Lust nicht das Maß und die Regel der Sitten.
3. Einwand: Ferner ist das Urteil über die Wirkung aus ihrer Ursache sicherer als das Urteil über die Ursache aus der Wirkung. Nun ist die Güte oder Bosheit der Tätigkeit die Ursache der Güte oder Bosheit der Lust: denn „jene Lüste sind gut, die aus guten Tätigkeiten resultieren, und jene sind schlecht, die aus schlechten Tätigkeiten entstehen“, wie in Ethik X, 5 dargelegt. Daher sind Lüste nicht die Regel und das Maß moralischer Güte und Bosheit.
Dagegen spricht, dass Augustinus im Kommentar zu Ps 7,10 „Der Herz und Nieren prüft, ist Gott“ sagt: „Das Ziel von Sorge und Gedanken ist die Lust, die jeder zu erreichen trachtet.“ Und der Philosoph sagt (Ethik VII, 11), dass „die Lust der Baumeister“, d.h. das hauptsächliche „Ziel [*St. Thomas fasste „finis“ als Nominativ auf, während es der Genitiv ist – {tou telous}; und der griechische Text liest: „Er“ (d.h. der politische Philosoph), „ist der Baumeister des Ziels“] ist, in Bezug auf welches wir absolut sagen, dass dies schlecht und jenes gut ist.“
Ich antworte darauf, Moralische Güte oder Bosheit hängt hauptsächlich vom Willen ab, wie oben dargelegt (Quaestio [20], Artikel [1]); und hauptsächlich vom Ziel her erkennen wir, ob der Wille gut oder böse ist. Nun wird als das Ziel dasjenige angenommen, worin der Wille ruht: und die Ruhe des Willens und eines jeden Begehrens im Guten ist die Lust. Und daher wird der Mensch hauptsächlich gemäß der Lust des menschlichen Willens als gut oder schlecht erachtet; da jener Mensch gut und tugendhaft ist, der Lust an den Werken der Tugend hat; und jener Mensch schlecht, der Lust an schlechten Werken hat.
Andererseits sind die Lüste des sinnlichen Begehrens nicht die Regel für moralische Güte und Bosheit; da Nahrung dem sinnlichen Begehren sowohl guter als auch schlechter Menschen allgemein angenehm ist. Aber der Wille des guten Menschen hat Lust an ihnen in Übereinstimmung mit der Vernunft, worauf der Wille des schlechten Menschen nicht achtet.
Antwort auf den 1. Einwand: Liebe und Begehren gehen der Lust in der Ordnung der Entstehung voraus. Aber die Lust geht ihnen voraus in der Ordnung des Ziels, welches als Prinzip in den Handlungen dient; und anhand des Prinzips, welches Regel und Maß solcher Dinge ist, bilden wir unser Urteil.
Antwort auf den 2. Einwand: Alle Lüste sind darin einheitlich, dass sie die Ruhe des Begehrens in etwas Gutem sind: und in dieser Hinsicht kann die Lust eine Regel oder ein Maß sein. Denn jener Mensch ist gut, dessen Wille im wahren Gut ruht: und jener Mensch schlecht, dessen Wille im Bösen ruht.
Antwort auf den 3. Einwand: Da die Lust die Tätigkeit als ihr Ziel vervollkommnet, wie oben dargelegt (Quaestio [33], Artikel [4]), kann eine Tätigkeit nicht vollkommen gut sein, wenn nicht auch Lust am Guten vorhanden ist: weil die Güte eines Dinges von seinem Ziel abhängt. Und so ist in gewisser Weise die Güte der Lust die Ursache der Güte in der Tätigkeit.