I-II, q. 34 a. 3
Ob irgendeine Lust das höchste Gut ist?
Quaestio 34 · Von der Güte und Bosheit der Lüste
1. Einwand: Es scheint, dass keine Lust das höchste Gut ist. Denn nichts Gewordenes ist das höchste Gut: da das Werden nicht das letzte Ziel sein kann. Aber Lust ist eine Folge des Werdens: denn die Tatsache, dass ein Ding Lust empfindet, beruht darauf, dass es in seiner eigenen Natur gefestigt wird, wie oben dargelegt (Quaestio [31], Artikel [1]). Daher ist keine Lust das höchste Gut.
2. Einwand: Ferner kann dasjenige, was das höchste Gut ist, durch Hinzufügung nicht besser gemacht werden. Aber Lust wird durch Hinzufügung besser gemacht; da Lust zusammen mit Tugend besser ist als Lust ohne Tugend. Daher ist Lust nicht das höchste Gut.
3. Einwand: Ferner ist dasjenige, was das höchste Gut ist, universell gut, da es an sich gut ist: denn das, was an sich so ist, ist früher und größer als das, was akzidentell so ist. Aber Lust ist nicht universell gut, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Daher ist Lust nicht das höchste Gut.
Dagegen spricht, dass die Glückseligkeit das höchste Gut ist: da sie das Ziel des menschlichen Lebens ist. Aber Glückseligkeit ist nicht ohne Lust: denn es steht geschrieben (Ps 15,11): „Du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht; zu deiner Rechten sind Wonnen bis ans Ende.“
Ich antworte darauf, Plato stimmte weder den Stoikern zu, die behaupteten, dass alle Lüste schlecht seien, noch den Epikureern, die vertraten, dass alle Lüste gut seien; sondern er sagte, dass einige gut und einige schlecht seien; jedoch so, dass keine Lust das souveräne oder höchste Gut sei. Aber nach seinen Argumenten zu urteilen, irrt er in zwei Punkten. Erstens, weil er aus der Beobachtung, dass sinnliche und körperliche Lust in einer gewissen Bewegung und einem „Werden“ besteht (wie es bei der Sättigung durch Essen und dergleichen offensichtlich ist), schloss, dass alle Lust aus irgendeinem „Werden“ und einer Bewegung entsteht: und daraus, da „Werden“ und Bewegung die Akte von etwas Unvollkommenem sind, würde folgen, dass Lust nicht von der Natur der letzten Vollkommenheit ist. Dies aber erweist sich als offensichtlich falsch in Bezug auf intellektuelle Lüste: denn man empfindet Lust nicht nur im „Werden“ des Wissens, zum Beispiel wenn man lernt oder staunt, wie oben dargelegt (Quaestio [32], Artikel [8], ad 2); sondern auch im Akt der Kontemplation, indem man von bereits erworbenem Wissen Gebrauch macht.
Zweitens, weil er unter dem höchsten Gut das verstand, was schlechthin das höchste Gut ist, d.h. das Gut, wie es getrennt von und ungeteilt durch alles andere existiert, in welchem Sinne Gott das höchste Gut ist; wohingegen wir vom höchsten Gut in menschlichen Dingen sprechen. Nun ist das höchste Gut eines jeden Dinges sein letztes Ziel. Und das Ziel ist, wie oben dargelegt (Quaestio [1], Artikel [8]; Quaestio [2], Artikel [7]), zweifach; nämlich die Sache selbst und der Gebrauch dieser Sache; so ist das Ziel des Geizhalses entweder das Geld oder der Besitz des Geldes. Dementsprechend kann man sagen, dass das letzte Ziel des Menschen entweder Gott ist, der schlechthin das höchste Gut ist; oder der Genuss Gottes, was eine gewisse Lust am letzten Ziel impliziert. Und in diesem Sinne kann eine gewisse Lust des Menschen als das Größte unter den menschlichen Gütern bezeichnet werden.
Antwort auf den 1. Einwand: Nicht jede Lust entsteht aus einem „Werden“; denn einige Lüste resultieren aus vollkommenen Tätigkeiten, wie oben dargelegt. Dementsprechend hindert nichts daran, dass eine gewisse Lust das höchste Gut ist, obwohl nicht jede Lust derart ist.
Antwort auf den 2. Einwand: Dieses Argument gilt für das schlechthin höchste Gut, durch dessen Teilhabe alle Dinge gut sind; weshalb keine Hinzufügung es besser machen kann: wohingegen es in Bezug auf andere Güter universell wahr ist, dass jedes Gut durch die Hinzufügung eines anderen Gutes besser wird. Überdies könnte man sagen, dass die Lust nichts der Tätigkeit der Tugend Fremdes ist, sondern dass sie sie begleitet, wie in Ethik I, 8 dargelegt.
Antwort auf den 3. Einwand: Dass die Lust das höchste Gut ist, liegt nicht an der bloßen Tatsache, dass sie Lust ist, sondern an der Tatsache, dass sie vollkommene Ruhe im vollkommenen Gut ist. Daher folgt nicht, dass jede Lust im höchsten Maße gut oder überhaupt gut ist. So ist eine gewisse Wissenschaft im höchsten Maße gut, aber nicht jede Wissenschaft ist es.