I-II, q. 34 a. 2
Ob jede Lust gut ist?
Quaestio 34 · Von der Güte und Bosheit der Lüste
1. Einwand: Es scheint, dass jede Lust gut ist. Denn wie im ersten Teil (FP), Quaestio [5], Artikel [6] dargelegt, gibt es drei Arten des Guten: das Ehrbare, das Nützliche und das Angenehme. Aber alles Ehrbare ist gut; und gleichermaßen ist alles Nützliche gut. Daher ist auch jede Lust gut.
2. Einwand: Ferner ist dasjenige, was nicht um eines anderen willen gesucht wird, an sich gut, wie in Ethik I, 6,7 dargelegt. Aber die Lust wird nicht um eines anderen willen gesucht; denn es scheint absurd, jemanden zu fragen, warum er Lust empfinden will. Daher ist die Lust an sich gut. Nun wird das, was von einem Ding an sich ausgesagt wird, universell davon ausgesagt. Daher ist jede Lust gut.
3. Einwand: Ferner scheint dasjenige, was von allen begehrt wird, an sich gut zu sein: denn gut ist, „was alle Dinge erstreben“, wie in Ethik I, 1 gesagt wird. Aber jeder sucht irgendeine Art von Lust, sogar Kinder und unvernünftige Tiere. Daher ist die Lust an sich gut: und folglich ist alle Lust gut.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 2,14): „Die sich freuen, wenn sie Böses getan haben, und frohlocken in den schlimmsten Dingen.“
Ich antworte darauf, Während einige der Stoiker behaupteten, dass alle Lüste schlecht seien, vertraten die Epikureer die Meinung, dass die Lust an sich gut sei und dass folglich alle Lüste gut seien. Sie scheinen dadurch geirrt zu haben, dass sie nicht unterschieden zwischen dem, was schlechthin gut ist, und dem, was in Bezug auf ein bestimmtes Individuum gut ist. Dasjenige, was schlechthin gut ist, ist an sich gut. Nun kann das, was nicht an sich gut ist, in Bezug auf ein bestimmtes Individuum auf zwei Arten gut sein. Auf eine Weise, weil es ihm aufgrund einer Disposition angemessen ist, in der er sich gerade befindet, welche Disposition jedoch nicht natürlich ist: so ist es manchmal für einen Aussätzigen gut, Dinge zu essen, die giftig sind, welche dem menschlichen Temperament schlechthin nicht angemessen sind. Auf eine andere Weise, indem etwas Unangemessenes als angemessen erachtet wird. Und da die Lust die Ruhe des Begehrens in einem Gut ist: wenn das Begehren in dem ruht, was schlechthin gut ist, wird die Lust schlechthin Lust und schlechthin gut sein. Aber wenn das Begehren eines Menschen in dem ruht, was nicht schlechthin gut ist, sondern in Bezug auf diesen bestimmten Menschen, dann wird seine Lust nicht schlechthin Lust sein, sondern eine Lust für ihn; noch wird sie schlechthin gut sein, sondern in gewisser Hinsicht oder ein scheinbares Gut.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Ehrbare und das Nützliche hängen von der Übereinstimmung mit der Vernunft ab, und folglich ist nichts ehrbar oder nützlich, ohne gut zu sein. Aber das Angenehme hängt von der Übereinstimmung mit dem Begehren ab, das manchmal zu dem tendiert, was der Vernunft widerspricht. Folglich ist nicht jeder Gegenstand der Lust in der moralischen Ordnung gut, welche von der Ordnung der Vernunft abhängt.
Antwort auf den 2. Einwand: Der Grund, warum die Lust nicht um eines anderen willen gesucht wird, ist, dass sie Ruhe im Ziel ist. Nun kann das Ziel entweder gut oder böse sein; obwohl nichts ein Ziel sein kann, außer insofern es in Bezug auf diesen oder jenen Menschen gut ist: und so verhält es sich auch mit der Lust.
Antwort auf den 3. Einwand: Alle Dinge suchen die Lust auf dieselbe Weise, wie sie das Gute suchen: da die Lust die Ruhe des Begehrens im Guten ist. Aber so wie es vorkommt, dass nicht jedes Gut, das begehrt wird, an sich und wahrhaft gut ist; so ist auch nicht jede Lust an sich und wahrhaft gut.