I-II, q. 33 a. 4
Ob die Lust die Tätigkeit vervollkommnet?
Quaestio 33 · Von den Wirkungen der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust die Tätigkeit nicht vervollkommnet. Denn jede menschliche Tätigkeit hängt vom Gebrauch der Vernunft ab. Die Lust behindert aber den Gebrauch der Vernunft, wie oben dargelegt wurde (Artikel [3]). Also vervollkommnet die Lust die menschliche Tätigkeit nicht, sondern schwächt sie.
Einwand 2: Ferner vervollkommnet nichts sich selbst oder seine Ursache. Die Lust ist aber eine Tätigkeit (Ethic. vii, 12; x, 4), d.h. entweder ihrem Wesen nach oder in ihrer Ursache. Also vervollkommnet die Lust die Tätigkeit nicht.
Einwand 3: Ferner, wenn die Lust die Tätigkeit vervollkommnet, tut sie dies entweder als Ziel, oder als Form, oder als Wirkendes. Aber nicht als Ziel; weil die Tätigkeit nicht um der Lust willen gesucht wird, sondern eher umgekehrt, wie oben dargelegt wurde (Frage [4], Artikel [2]): noch als Wirkendes, weil vielmehr die Tätigkeit die Lust verursacht: noch wiederum als Form, weil gemäß dem Philosophen (Ethic. x, 4) „die Lust die Tätigkeit nicht vervollkommnet wie ein Habitus es tut.“ Also vervollkommnet die Lust die Tätigkeit nicht.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. x, 4), dass „die Lust die Tätigkeit vervollkommnet“.
Ich antworte darauf, dass die Lust die Tätigkeit auf zwei Arten vervollkommnet. Erstens als ein Ziel: nicht zwar in dem Sinne, wie ein Ziel das ist, „um dessentwillen ein Ding ist“; sondern in dem Sinne, wie jedes Gut, das zu einem Ding hinzukommt und es komplettiert, sein Ziel genannt werden kann. Und in diesem Sinne sagt der Philosoph (Ethic. x, 4), dass „die Lust die Tätigkeit vervollkommnet ... wie ein gewisses hinzukommendes Ziel“: das heißt, insofern zu diesem Gut, welches die Tätigkeit ist, ein anderes Gut hinzukommt, welches die Lust ist, die die Ruhe des Begehrens in einem vorausgesetzten Gut bezeichnet. Zweitens als Wirkendes; nicht zwar direkt, denn der Philosoph sagt (Ethic. x, 4), dass „die Lust die Tätigkeit nicht so vervollkommnet, wie ein Arzt einen Menschen gesund macht, sondern wie die Gesundheit es tut“: aber sie tut dies indirekt; insofern das Wirkende, indem es Lust an seiner Handlung findet, eifriger auf sie bedacht ist und sie mit größerer Sorgfalt ausführt. Und in diesem Sinne heißt es in Ethic. x, 5, dass „Lüste ihre zugehörigen Tätigkeiten steigern und jene behindern, die nicht zugehörig sind.“
Antwort auf Einwand 1: Nicht jede Lust behindert den Akt der Vernunft, sondern nur die körperliche Lust; denn diese entsteht nicht aus dem Akt der Vernunft, sondern aus dem Akt des sinnlichen Begehrungsvermögens, welcher Akt durch die Lust intensiviert wird. Im Gegenteil stärkt die Lust, die aus dem Akt der Vernunft entsteht, den Gebrauch der Vernunft.
Antwort auf Einwand 2: Wie in Phys. ii, 3 dargelegt wird, können zwei Dinge Ursachen voneinander sein, wenn das eine die Wirkursache, das andere die Zweckursache ist. Und auf diese Weise ist die Tätigkeit die Wirkursache der Lust, während die Lust die Tätigkeit nach Art einer Zweckursache vervollkommnet, wie oben dargelegt.
Die Antwort auf den dritten Einwand ist aus dem Gesagten ersichtlich.