I-II, q. 33 a. 3
Ob die Lust den Gebrauch der Vernunft behindert?
Quaestio 33 · Von den Wirkungen der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust den Gebrauch der Vernunft nicht behindert. Denn Ruhe erleichtert den geziemenden Gebrauch der Vernunft sehr: weshalb der Philosoph sagt (Phys. vii, 3), dass „während wir sitzen und ruhen, die Seele zu Wissen und Klugheit geneigt ist“; und es steht geschrieben (Weish 8,16): „Wenn ich in mein Haus gehe, werde ich mich bei ihr ausruhen“, d.h. bei der Weisheit. Die Lust ist aber eine Art Ruhe. Also hilft sie eher, als dass sie den Gebrauch der Vernunft behindert.
Einwand 2: Ferner behindern sich Dinge, die nicht im selben Subjekt sind, auch wenn sie Gegensätze sind, nicht gegenseitig. Die Lust ist aber im Begehrungsvermögen, während der Gebrauch der Vernunft in der Erkenntniskraft ist. Also behindert die Lust den Gebrauch der Vernunft nicht.
Einwand 3: Ferner scheint das, was durch ein anderes behindert wird, von diesem gleichsam bewegt zu werden. Aber der Gebrauch einer Erkenntniskraft bewegt eher die Lust, als dass er von ihr bewegt wird: weil er die Ursache der Lust ist. Also behindert die Lust den Gebrauch der Vernunft nicht.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. vi, 5), dass „die Lust das Urteil der Klugheit zerstört“.
Ich antworte darauf, Wie in Ethic. x, 5 dargelegt wird, „steigern angemessene Lüste die Tätigkeit ... wohingegen Lüste, die aus anderen Quellen stammen, Hindernisse für die Tätigkeit sind.“ Dementsprechend gibt es eine gewisse Lust, die am Akt der Vernunft selbst genommen wird, wie wenn jemand Lust am Betrachten oder am logischen Schließen findet: und solche Lust behindert den Akt der Vernunft nicht, sondern hilft ihm; weil wir aufmerksamer bei dem sind, was uns Lust bereitet, und Aufmerksamkeit die Tätigkeit fördert.
Andererseits behindern körperliche Lüste den Gebrauch der Vernunft auf drei Arten. Erstens, indem sie die Vernunft ablenken. Denn wie wir gerade bemerkt haben, richten wir unsere Aufmerksamkeit sehr auf das, was uns gefällt. Wenn nun die Aufmerksamkeit fest auf eine Sache fixiert ist, wird sie in Bezug auf andere Dinge entweder geschwächt oder gänzlich von ihnen abgezogen; und so behindert die körperliche Lust, wenn sie groß ist, entweder den Gebrauch der Vernunft gänzlich, indem sie die Aufmerksamkeit des Geistes auf sich selbst konzentriert; oder sie behindert ihn zumindest beträchtlich. Zweitens, indem sie der Vernunft entgegengesetzt sind. Denn manche Lüste, besonders jene im Übermaß, stehen gegen die Ordnung der Vernunft: und in diesem Sinne sagt der Philosoph, dass „körperliche Lüste das Urteil der Klugheit zerstören, aber nicht das spekulative Urteil“, dem sie nicht entgegengesetzt sind, „zum Beispiel, dass die drei Winkel eines Dreiecks zusammen zwei rechten Winkeln gleich sind.“ Im ersten Sinne jedoch behindern sie beide Urteile. Drittens, indem sie die Vernunft fesseln: insofern auf die körperliche Lust eine gewisse Veränderung im Körper folgt, die sogar größer ist als bei den anderen Leidenschaften, in dem Maße, wie das Begehren heftiger auf eine gegenwärtige als auf eine abwesende Sache gerichtet ist. Nun behindern solche körperlichen Störungen den Gebrauch der Vernunft; wie man im Fall von Betrunkenen sehen kann, bei denen der Gebrauch der Vernunft gefesselt oder behindert ist.
Antwort auf Einwand 1: Körperliche Lust impliziert zwar Ruhe des Begehrens im Gegenstand der Lust; welche Ruhe manchmal der Vernunft entgegengesetzt ist; aber aufseiten des Körpers impliziert sie immer eine Veränderung. Und in Bezug auf beide Punkte behindert sie den Gebrauch der Vernunft.
Antwort auf Einwand 2: Die Kräfte des Begehrens und der Erkenntnis sind zwar verschiedene Teile, gehören aber zu der einen Seele. Folglich, wenn die Seele sehr auf die Handlung eines Teiles konzentriert ist, wird sie daran gehindert, auf einen entgegengesetzten Akt des anderen Teiles zu achten.
Antwort auf Einwand 3: Der Gebrauch der Vernunft erfordert den geziemenden Gebrauch der Einbildungskraft und der anderen sinnlichen Kräfte, die durch ein körperliches Organ ausgeübt werden. Folglich behindert eine Veränderung im Körper den Gebrauch der Vernunft, weil sie den Akt der Einbildungskraft und der anderen sinnlichen Kräfte behindert.