I-II, q. 33 a. 2
Ob die Lust Durst oder Begehren nach sich selbst verursacht?
Quaestio 33 · Von den Wirkungen der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass die Lust kein Begehren nach sich selbst verursacht. Denn jede Bewegung endet, wenn die Ruhe erreicht ist. Die Lust ist aber gleichsam eine gewisse Ruhe der Bewegung des Begehrens, wie oben dargelegt wurde (Frage [23], Artikel [4]; Frage [25], Artikel [2]). Daher endet die Bewegung des Begehrens, wenn die Lust erreicht ist. Also verursacht die Lust kein Begehren.
Einwand 2: Ferner verursacht ein Ding nicht sein Gegenteil. Die Lust ist aber in gewisser Weise das Gegenteil des Begehrens, was den Gegenstand betrifft: da das Begehren ein Gut betrachtet, das noch nicht besessen wird, während die Lust das Gut betrachtet, das besessen wird. Also verursacht die Lust kein Begehren nach sich selbst.
Einwand 3: Ferner ist Überdruss unvereinbar mit Begehren. Die Lust verursacht aber oft Überdruss. Also verursacht sie kein Begehren.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Joh 4,13): „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten“: wobei nach Augustinus (Tract. xv in Joan.) das Wasser die Lüste des Körpers bezeichnet.
Ich antworte darauf, dass die Lust auf zwei Arten betrachtet werden kann; erstens, als in der Wirklichkeit existierend; zweitens, als im Gedächtnis existierend. Ebenso können Durst oder Begehren auf zwei Arten verstanden werden; erstens im eigentlichen Sinne, als Bezeichnung für ein Verlangen nach etwas nicht Besessenem; zweitens im Allgemeinen, als Ausschluss von Überdruss.
Betrachtet als in der Wirklichkeit existierend, verursacht die Lust an sich keinen Durst oder kein Begehren nach sich selbst, sondern nur akzidentell; vorausgesetzt, wir verstehen unter Durst oder Begehren ein Verlangen nach etwas nicht Besessenem: weil die Lust eine Gemütsbewegung des Appetits in Bezug auf etwas tatsächlich Anwesendes ist. Es kann jedoch geschehen, dass das, was tatsächlich anwesend ist, nicht vollkommen besessen wird: und dies kann aufseiten des besessenen Dinges oder aufseiten des Besitzers liegen. Aufseiten des besessenen Dinges geschieht dies, wenn das besessene Ding kein gleichzeitiges Ganzes ist; weshalb man es nacheinander in Besitz nimmt, und während man Lust an dem hat, was man hat, begehrt man, den Rest zu besitzen: so wie wenn ein Mensch am ersten Teil eines Verses Gefallen findet, begehrt er, den zweiten Teil zu hören, wie Augustinus sagt (Confess. iv, 11). Auf diese Weise verursachen fast alle körperlichen Lüste Durst nach sich selbst, bis sie vollständig verwirklicht sind, weil Lüste dieser Art aus einer Bewegung entstehen: wie bei den Genüssen des Essens ersichtlich ist. Aufseiten des Besitzers geschieht dies, wenn ein Mensch ein Ding besitzt, das in sich vollkommen ist, er es aber nicht vollkommen besitzt, sondern es nach und nach in Besitz nimmt. So gewährt uns in diesem Leben eine schwache Wahrnehmung der göttlichen Erkenntnis Entzücken, und das Entzücken erzeugt einen Durst oder ein Begehren nach vollkommener Erkenntnis; in welchem Sinne wir die Worte von Sirach 24,29 verstehen können: „Die mich trinken, werden weiter dürsten.“
Wenn wir andererseits unter Durst oder Begehren die bloße Intensität der Gemütsbewegung verstehen, die den Überdruss ausschließt, so verursachen geistige Lüste mehr als alle anderen Durst oder Begehren nach sich selbst. Denn körperliche Lüste werden überdrüssig aufgrund dessen, dass sie ein Übermaß im natürlichen Seinszustand verursachen, wenn sie gesteigert oder auch nur in die Länge gezogen werden; wie im Fall der Genüsse des Essens ersichtlich ist. Deshalb wird ein Mensch, wenn er den Punkt der Vollendung in körperlichen Lüsten erreicht, ihrer müde und begehrt manchmal eine andere Art. Geistige Lüste hingegen überschreiten nicht das natürliche Maß, sondern vervollkommnen die Natur. Daher gewähren sie, wenn ihr Punkt der Vollendung erreicht ist, das größte Entzücken: außer vielleicht akzidentell, insofern das Werk der Betrachtung von einer Tätigkeit der körperlichen Kräfte begleitet wird, die durch langwierige Aktivität ermüden. Und in diesem Sinne können wir auch jene Worte von Sirach 24,29 verstehen: „Die mich trinken, werden weiter dürsten“: denn selbst von den Engeln, die Gott vollkommen erkennen und sich an Ihm erfreuen, steht geschrieben (1 Petr 1,12), dass sie „begehren, Ihn anzuschauen“.
Schließlich, wenn wir die Lust nicht als in der Wirklichkeit existierend betrachten, sondern als im Gedächtnis existierend, so hat sie von sich aus eine natürliche Tendenz, Durst und Begehren nach sich selbst zu verursachen: wenn nämlich der Mensch zu jener Disposition zurückkehrt, in der er war, als er die vergangene Lust erlebte. Wenn er aber von jener Disposition verändert ist, bereitet ihm die Erinnerung an jene Lust keine Lust, sondern Überdruss: zum Beispiel die Erinnerung an Speise bei einem Menschen, der bis zur Sättigung gegessen hat.
Antwort auf Einwand 1: Wenn die Lust vollkommen ist, dann schließt sie völlige Ruhe ein; und die Bewegung des Begehrens, die auf das nicht Besessene tendierte, endet. Aber wenn sie unvollkommen ist, dann endet das Begehren, das auf das nicht Besessene tendiert, nicht gänzlich.
Antwort auf Einwand 2: Das, was unvollkommen besessen wird, wird in einer Hinsicht besessen und in einer anderen Hinsicht nicht besessen. Folglich kann es gleichzeitig Gegenstand des Begehrens und der Lust sein.
Antwort auf Einwand 3: Lüste verursachen auf eine Weise Überdruss, auf eine andere Begehren, wie oben dargelegt.