I-II, q. 33 a. 1
Ob die Ausweitung eine Wirkung der Lust ist?
Quaestio 33 · Von den Wirkungen der Lust
Einwand 1: Es scheint, dass die Ausweitung keine Wirkung der Lust ist. Denn die Ausweitung scheint eher zur Liebe zu gehören, gemäß dem Apostel (2 Kor 6,11): „Unser Herz ist weit geworden.“ Daher heißt es auch (Ps 118,96) über das Gebot der Liebe: „Dein Gebot ist sehr weit.“ Die Lust ist aber eine von der Liebe verschiedene Leidenschaft. Also ist die Ausweitung keine Wirkung der Lust.
Einwand 2: Ferner, wenn sich etwas ausweitet, wird es fähig, mehr aufzunehmen. Das Aufnehmen gehört aber zum Begehren, welches sich auf etwas richtet, das man noch nicht besitzt. Daher scheint die Ausweitung eher zum Begehren als zur Lust zu gehören.
Einwand 3: Ferner ist die Zusammenziehung das Gegenteil der Ausweitung. Die Zusammenziehung scheint aber zur Lust zu gehören, denn die Hand schließt sich um das, was wir fest greifen wollen: und so ist die Regung des Begehrungsvermögens in Bezug auf das, was ihm gefällt. Also gehört die Ausweitung nicht zur Lust.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht, um die Freude auszudrücken (Jes 60,5): „Du wirst es sehen und überfließen, dein Herz wird staunen und sich ausweiten.“ Zudem wird die Lust mit dem Namen „laetitia“ bezeichnet, was von „dilatatio“ [Ausweitung] abgeleitet ist, wie oben dargelegt wurde (Frage [31], Artikel [3], zu 3).
Ich antworte darauf, dass Breite [latitudo] eine Dimension körperlicher Größe ist: daher wird sie auf die Gemütsbewegungen der Seele nur im übertragenen Sinne angewandt. Nun bezeichnet Ausweitung eine Art Bewegung zur Breite hin; und sie gehört zur Lust hinsichtlich der zwei Dinge, die für die Lust erforderlich sind. Eines davon liegt aufseiten der Erkenntniskraft, die sich der Verbindung mit einem angemessenen Gut bewusst ist. Als Folge dieser Erkenntnis nimmt der Mensch wahr, dass er eine gewisse Vollkommenheit erlangt hat, was eine Größe der geistigen Ordnung darstellt: und in dieser Hinsicht sagt man, der Geist des Menschen werde durch die Lust vergrößert oder ausgeweitet. Das andere Erfordernis für die Lust liegt aufseiten der Begehrungskraft, die in dem lustvollen Gegenstand einwilligt und darin ruht, indem sie sich gleichsam anbietet, ihn in sich selbst einzuschließen. Und so wird die Zuneigung des Menschen durch die Lust ausgeweitet, als ob sie sich selbst hingäbe, um den Gegenstand ihrer Lust in sich zu halten.
Antwort auf Einwand 1: In metaphorischen Ausdrücken hindert nichts daran, dass ein und dasselbe verschiedenen Dingen aufgrund verschiedener Ähnlichkeiten zugeschrieben wird. Und auf diese Weise gehört die Ausweitung zur Liebe aufgrund einer gewissen Ausbreitung, insofern sich die Zuneigung des Liebenden auf andere ausbreitet, um nicht nur für seine eigenen Interessen zu sorgen, sondern auch für das, was andere betrifft. Andererseits gehört die Ausweitung zur Lust, insofern eine Sache in sich selbst weiter wird, um aufnahmefähiger zu werden.
Antwort auf Einwand 2: Das Begehren schließt eine gewisse Ausweitung ein, die aus der Vorstellung des begehrten Gegenstandes entsteht; aber diese Ausweitung nimmt bei der Anwesenheit des lustvollen Gegenstandes zu: weil der Geist sich diesem Gegenstand mehr hingibt, wenn er bereits Lust an ihm findet, als wenn er ihn begehrt, bevor er ihn besitzt; denn die Lust ist das Ziel des Begehrens.
Antwort auf Einwand 3: Wer Lust an einer Sache findet, hält sie fest, indem er sich mit aller Kraft an sie klammert: aber er öffnet sein Herz für sie, damit er sie vollkommen genießen kann.