I-II, q. 30 a. 4
Ob die Begierde unendlich ist?
Quaestio 30 · Von der Begierde
Einwand 1: Es scheint, dass die Begierde nicht unendlich ist. Denn das Objekt der Begierde ist das Gute, welches den Charakter eines Ziels hat. Wo aber Unendlichkeit ist, da ist kein Ziel (Metaph. ii, 2). Also kann die Begierde nicht unendlich sein.
Einwand 2: Ferner richtet sich die Begierde auf das angemessene Gute, da sie aus der Liebe hervorgeht. Das Unendliche aber ist ohne Proportion und daher unangemessen. Also kann die Begierde nicht unendlich sein.
Einwand 3: Ferner gibt es kein Durchschreiten unendlicher Dinge: und so gibt es kein Erreichen eines letzten Endpunktes in ihnen. Aber das Subjekt der Begierde wird nicht erfreut, bis es den letzten Endpunkt erreicht. Wenn also die Begierde unendlich wäre, würde niemals eine Freude folgen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Polit. i, 3), dass „da die Begierde unendlich ist, die Menschen eine unendliche Anzahl von Dingen begehren.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 3), die Begierde zweifach ist; die eine ist natürlich, die andere ist nicht natürlich. Die natürliche Begierde kann nicht aktuell unendlich sein: weil sie sich auf das richtet, was die Natur erfordert; und die Natur tendiert immer zu etwas Endlichem und Bestimmtem. Daher begehrt der Mensch niemals unendlich viel Speise oder unendlich viel Trank. Aber so wie es in der Natur eine potenzielle sukzessive Unendlichkeit gibt, so kann diese Art der Begierde sukzessive unendlich sein; sodass zum Beispiel ein Mensch, nachdem er Speise erhalten hat, wiederum Speise begehren kann; und so verhält es sich mit allem anderen, was die Natur erfordert: weil diese körperlichen Güter, wenn sie erlangt sind, nicht ewig währen, sondern vergehen. Daher sagte unser Herr zu der Frau aus Samaria (Joh 4, 13): „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten.“
Aber die nicht-natürliche Begierde ist gänzlich unendlich. Denn wie oben dargelegt (Artikel 3), folgt sie der Vernunft, und es gehört zur Vernunft, ins Unendliche fortzuschreiten. Daher kann derjenige, der Reichtum begehrt, begehren, reich zu sein, nicht bis zu einer gewissen Grenze, sondern schlechthin so reich wie möglich.
Ein weiterer Grund kann gemäß dem Philosophen (Polit. i, 3) angegeben werden, warum eine gewisse Begierde endlich und eine andere unendlich ist. Denn die Begierde nach dem Ziel ist immer unendlich: da das Ziel um seiner selbst willen begehrt wird, z. B. Gesundheit: und so wird größere Gesundheit mehr begehrt, und so weiter ins Unendliche; so wie, wenn ein weißes Ding von sich aus das Sehen weitet, dasjenige, was weißer ist, es noch mehr weitet. Andererseits ist die Begierde nach den Mitteln nicht unendlich, weil die Begierde nach den Mitteln in einem angemessenen Verhältnis zum Ziel steht. Folglich haben diejenigen, die ihr Ziel in Reichtum setzen, eine unendliche Begierde nach Reichtum; wohingegen diejenigen, die Reichtum wegen der Notwendigkeiten des Lebens begehren, ein endliches Maß an Reichtum begehren, das für die Notwendigkeiten des Lebens ausreicht, wie der Philosoph sagt (Polit. i, 3). Dasselbe gilt für die Begierde nach allen anderen Dingen.
Antwort auf Einwand 1: Jedes Objekt der Begierde wird als etwas Endliches genommen: entweder weil es in der Realität endlich ist, als einmal aktuell begehrt; oder weil es als endlich erkannt wird. Denn es kann nicht als unendlich erkannt werden, da das Unendliche das ist, „von dem, wie viel man auch wegnehmen mag, immer noch etwas wegzunehmen bleibt“ (Phys. iii, 6).
Antwort auf Einwand 2: Die Vernunft besitzt in gewissem Sinne unendliche Kraft, insofern sie ein Ding unendlich betrachten kann, wie es beim Addieren von Zahlen und Linien erscheint. Folglich ist das Unendliche, auf eine gewisse Weise genommen, der Vernunft proportional. Tatsächlich ist das Universale, das die Vernunft erkennt, in einem Sinne unendlich, insofern es potenziell eine unendliche Anzahl von Einzeldingen enthält.
Antwort auf Einwand 3: Damit ein Mensch erfreut wird, ist es nicht notwendig, dass er alles verwirklicht, was er begehrt: denn er erfreut sich an der Verwirklichung jedes einzelnen Objekts seiner Begierde.