I-II, q. 30 a. 2
Ob die Begierde eine besondere Leidenschaft ist?
Quaestio 30 · Von der Begierde
Einwand 1: Es scheint, dass die Begierde keine besondere Leidenschaft des begehrenden Vermögens ist. Denn Leidenschaften werden durch ihre Objekte unterschieden. Das Objekt des begehrenden Vermögens ist aber das sinnlich Angenehme; und dies ist auch das Objekt der Begierde, wie der Philosoph erklärt (Rhet. i, 11). Also ist die Begierde keine besondere Leidenschaft des begehrenden Vermögens.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (83 Quaest., qu. 33), dass „die Habsucht (cupiditas) die Liebe zu vergänglichen Dingen ist“: sodass sie sich nicht von der Liebe unterscheidet. Alle besonderen Leidenschaften sind aber voneinander unterschieden. Also ist die Begierde keine besondere Leidenschaft im begehrenden Vermögen.
Einwand 3: Ferner gibt es zu jeder Leidenschaft des begehrenden Vermögens eine spezifische entgegengesetzte Leidenschaft in diesem Vermögen, wie oben dargelegt (Quaestio 23, Artikel 4). Aber keine besondere Leidenschaft des begehrenden Vermögens ist der Begierde entgegengesetzt. Denn Damascener sagt (De Fide Orth. ii, 12), dass „das Gute, wenn es begehrt wird, Begierde hervorruft; wenn es gegenwärtig ist, Freude bereitet: ebenso lässt uns das Übel, das wir wahrnehmen, fürchten, und das Übel, das gegenwärtig ist, macht uns traurig“: woraus wir schließen, dass wie die Traurigkeit der Freude entgegengesetzt ist, so die Furcht der Begierde. Aber die Furcht ist nicht im begehrenden, sondern im zornmütigen Teil. Also ist die Begierde keine besondere Leidenschaft des begehrenden Vermögens.
Dagegen spricht, dass die Begierde durch Liebe verursacht wird und auf Lust abzielt, welche beide Leidenschaften des begehrenden Vermögens sind. Daher unterscheidet sie sich von den anderen Leidenschaften des begehrenden Vermögens als eine besondere Leidenschaft.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel 1; Quaestio 23, Artikel 1), das Gut, welches den Sinnen Vergnügen bereitet, das gemeinsame Objekt des begehrenden Vermögens ist. Daher werden die verschiedenen Leidenschaften des begehrenden Vermögens gemäß den Unterschieden dieses Gutes unterschieden. Die Verschiedenheit dieses Objekts kann nun aus der Natur des Objekts selbst oder aus einer Verschiedenheit in seiner wirkenden Kraft entstehen. Die Verschiedenheit, die von der Natur des wirkenden Objekts herrührt, verursacht einen materiellen Unterschied der Leidenschaften; während der Unterschied hinsichtlich seiner wirkenden Kraft eine formale Verschiedenheit der Leidenschaften verursacht, in Bezug auf welche sich die Leidenschaften der Art nach unterscheiden.
Nun unterscheidet sich die Natur der bewegenden Kraft des Ziels oder des Guten danach, ob es real anwesend oder abwesend ist: denn insofern es anwesend ist, bewirkt es, dass das Vermögen in ihm ruht; wohingegen es, insofern es abwesend ist, bewirkt, dass das Vermögen zu ihm hin bewegt wird. Daher verursacht das Objekt des sinnlichen Vergnügens Liebe, insofern es das Begehren sozusagen auf sich abstimmt und sich anpasst; es verursacht Begierde, insofern es, wenn abwesend, das Vermögen zu sich zieht; und es verursacht Lust, insofern es, wenn anwesend, das Vermögen in sich ruhen lässt. Demnach ist die Begierde eine Leidenschaft, die sich der Art nach sowohl von der Liebe als auch von der Lust unterscheidet. Die Begierden nach diesem oder jenem angenehmen Objekt unterscheiden sich jedoch nur der Zahl nach.
Antwort auf Einwand 1: Das angenehme Gut ist das Objekt der Begierde, nicht schlechthin, sondern insofern es als abwesend betrachtet wird: so wie das Sinnliche, als vergangen betrachtet, das Objekt des Gedächtnisses ist. Denn diese besonderen Bedingungen diversifizieren die Arten der Leidenschaften und sogar der Vermögen des sinnlichen Teils, der sich auf Einzeldinge bezieht.
Antwort auf Einwand 2: In der zitierten Passage haben wir eine ursächliche, nicht eine wesentliche Aussage: denn Habsucht ist nicht wesentlich Liebe, sondern eine Wirkung der Liebe. Wir können auch sagen, dass Augustinus Habsucht in einem weiten Sinne nimmt, für jede Bewegung des Begehrens in Bezug auf ein kommendes Gut: sodass sie sowohl Liebe als auch Hoffnung einschließt.
Antwort auf Einwand 3: Die Leidenschaft, die der Begierde direkt entgegengesetzt ist, hat keinen Namen und steht in Beziehung zum Übel, wie die Begierde in Bezug auf das Gute. Da sie aber, wie die Furcht, das abwesende Übel betrifft, wird sie manchmal mit dem Namen Furcht bezeichnet, so wie Hoffnung manchmal Habsucht genannt wird. Denn ein kleines Gut oder Übel wird so gerechnet, als wäre es nichts: und folglich wird jede Bewegung des Begehrens auf ein zukünftiges Gut oder Übel Hoffnung oder Furcht genannt, welche Gut und Übel als schwierig betrachten.