I-II, q. 27 a. 3
Ob Ähnlichkeit eine Ursache der Liebe ist?
Quaestio 27 · Von der Ursache der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass Ähnlichkeit keine Ursache der Liebe ist. Denn dasselbe Ding ist nicht die Ursache von Gegensätzen. Aber Ähnlichkeit ist die Ursache von Hass; denn es steht geschrieben (Spr 13,10), dass „unter den Stolzen immer Streitigkeiten sind“; und der Philosoph sagt (Ethic. viii, 1), dass „Töpfer miteinander streiten.“ Daher ist Ähnlichkeit keine Ursache der Liebe.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (Confess. iv, 14), dass „ein Mensch im anderen liebt, was er selbst nicht sein möchte: so liebt er einen Schauspieler, möchte aber selbst kein Schauspieler sein.“ Dies wäre aber nicht so, wenn Ähnlichkeit die eigentliche Ursache der Liebe wäre; denn in diesem Fall würde ein Mensch im anderen das lieben, was er selbst besitzt oder zu besitzen wünschte. Daher ist Ähnlichkeit keine Ursache der Liebe.
Einwand 3: Ferner liebt jeder das, was er benötigt, auch wenn er es nicht hat: so liebt ein Kranker die Gesundheit und ein Armer den Reichtum. Aber insofern er sie benötigt und ihrer ermangelt, ist er ihnen unähnlich. Daher ist nicht nur Ähnlichkeit, sondern auch Unähnlichkeit eine Ursache der Liebe.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 4), dass „wir jene lieben, die uns Geld und Gesundheit schenken; und auch jene, die ihre Freundschaft für die Toten bewahren.“ Aber nicht alle sind so beschaffen. Daher ist Ähnlichkeit keine Ursache der Liebe.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Sir 13,19): „Jedes Tier liebt seinesgleichen.“
Ich antworte darauf, dass Ähnlichkeit, eigentlich gesprochen, eine Ursache der Liebe ist. Es muss jedoch beachtet werden, dass die Ähnlichkeit zwischen Dingen zweifach ist. Eine Art der Ähnlichkeit entsteht dadurch, dass jedes Ding dieselbe Qualität aktuell besitzt: zum Beispiel werden zwei Dinge, welche die Qualität des Weißseins besitzen, als ähnlich bezeichnet. Eine andere Art der Ähnlichkeit entsteht dadurch, dass ein Ding potenziell und durch Neigung eine Qualität besitzt, die das andere aktuell hat: so können wir sagen, dass ein schwerer Körper, der sich außerhalb seines eigentlichen Ortes befindet, einem anderen schweren Körper ähnlich ist, der an seinem eigentlichen Ort existiert: oder wiederum, insofern die Potenz eine Ähnlichkeit zu ihrem Akt trägt; da der Akt gewissermaßen in der Potenz selbst enthalten ist.
Demgemäß verursacht die erste Art der Ähnlichkeit die Liebe der Freundschaft oder des Wohlwollens. Denn allein die Tatsache, dass zwei Menschen ähnlich sind, indem sie gleichsam eine Form haben, macht, dass sie gewissermaßen eins in dieser Form sind: so sind zwei Menschen ein Ding in der Spezies der Menschheit, und zwei weiße Menschen sind ein Ding im Weißsein. Daher neigen die Affekte des einen zum anderen, als sei er eins mit ihm; und er wünscht ihm Gutes wie sich selbst. Aber die zweite Art der Ähnlichkeit verursacht die Liebe der Begierde oder die auf Nützlichkeit oder Vergnügen gegründete Freundschaft: weil alles, was in Potenz ist, als solches das Verlangen nach seinem Akt hat; und es findet Vergnügen an dessen Verwirklichung, wenn es ein empfindendes und erkennendes Wesen ist.
Nun wurde oben gesagt (Quaestio [26], Artikel [4]), dass in der Liebe der Begierde der Liebende eigentlich sich selbst liebt, indem er das Gut will, das er begehrt. Aber ein Mensch liebt sich selbst mehr als einen anderen: weil er mit sich selbst substanziell eins ist, wohingegen er mit einem anderen nur in der Ähnlichkeit einer Form eins ist. Folglich, wenn die Ähnlichkeit dieses anderen zu ihm, die aus der Teilhabe an einer Form entsteht, ihn daran hindert, das Gut zu erlangen, das er liebt, wird jener ihm verhasst, nicht weil er ihm ähnlich ist, sondern weil er ihn daran hindert, sein eigenes Gut zu erlangen. Dies ist der Grund, warum „Töpfer untereinander streiten“, weil sie einander am Gewinn hindern: und warum „Streitigkeiten unter den Stolzen sind“, weil sie einander daran hindern, die Position zu erreichen, die sie begehren.
Hieraus ist die Antwort auf den ersten Einwand ersichtlich.
Antwort auf Einwand 2: Auch wenn ein Mensch im anderen liebt, was er in sich selbst nicht liebt, so besteht doch eine gewisse Ähnlichkeit der Proportion: denn wie sich der Letztere zu dem verhält, was in ihm geliebt wird, so verhält sich der Erstere zu dem, was er in sich selbst liebt: zum Beispiel, wenn ein guter Sänger einen guten Schreiber liebt, können wir eine Ähnlichkeit der Proportion sehen, insofern jeder das besitzt, was ihm in Bezug auf seine Kunst ziemt.
Antwort auf Einwand 3: Wer liebt, was er benötigt, trägt eine Ähnlichkeit zu dem, was er liebt, wie die Potenz eine Ähnlichkeit zu ihrem Akt trägt, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 4: Gemäß derselben Ähnlichkeit der Potenz zum Akt liebt der Unfreigiebige den Menschen, der freigiebig ist, insofern er von ihm etwas erwartet, was er begehrt. Dasselbe gilt für den Menschen, der beständig in seiner Freundschaft ist, im Vergleich zu einem, der unbeständig ist. Denn in beiden Fällen scheint die Freundschaft auf Nützlichkeit gegründet zu sein. Wir könnten auch sagen, dass, obwohl nicht alle Menschen diese Tugenden im vollkommenen Habitus besitzen, sie sie doch gemäß gewissen keimhaften Prinzipien in der Vernunft haben, kraft welcher Prinzipien der Mensch, der nicht tugendhaft ist, den tugendhaften Menschen liebt, als sei er in Übereinstimmung mit seiner eigenen natürlichen Vernunft.