I-II, q. 27 a. 1
Ob das Gute die einzige Ursache der Liebe ist?
Quaestio 27 · Von der Ursache der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute nicht die einzige Ursache der Liebe ist. Denn das Gute verursacht Liebe nur, weil es geliebt wird. Es geschieht aber, dass auch das Übel geliebt wird, gemäß Ps. 10,6: „Wer Ungerechtigkeit liebt, hasst seine eigene Seele“; andernfalls wäre jede Liebe gut. Daher ist das Gute nicht die einzige Ursache der Liebe.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Rhet. ii, 4), dass „wir jene lieben, die ihre Übel eingestehen.“ Daher scheint es, dass das Übel die Ursache der Liebe ist.
Einwand 3: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass nicht nur „das Gute“, sondern auch „das Schöne von allen geliebt wird.“
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. viii, 3): „Gewiss wird allein das Gute geliebt.“ Daher ist allein das Gute die Ursache der Liebe.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Quaestio [26], Artikel [1]), die Liebe zum Begehrungsvermögen gehört, welches ein passives Vermögen ist. Daher steht sein Objekt zu ihm im Verhältnis der Ursache seiner Bewegung oder seines Aktes. Deshalb muss die Ursache der Liebe notwendigerweise das Objekt der Liebe sein. Nun ist das eigentümliche Objekt der Liebe das Gute; denn wie oben gesagt wurde (Quaestio [26], Artikel [1], 2), impliziert die Liebe eine gewisse Wesensverwandtschaft oder ein Wohlgefallen des Liebenden an dem geliebten Ding, und für jedes Ding ist jenes ein Gut, was ihm verwandt und angemessen ist. Es folgt daher, dass das Gute die eigentümliche Ursache der Liebe ist.
Antwort auf Einwand 1: Das Übel wird niemals geliebt, außer unter dem Gesichtspunkt des Guten, das heißt, insofern es in gewisser Hinsicht gut ist und als schlechthin gut betrachtet wird. Und so ist eine gewisse Liebe böse, insofern sie zu dem tendiert, was nicht schlechthin ein wahres Gut ist. Auf diese Weise „liebt der Mensch die Ungerechtigkeit“, insofern durch die Ungerechtigkeit irgendein Gut erlangt wird, zum Beispiel Vergnügen oder Geld oder dergleichen.
Antwort auf Einwand 2: Jene, die ihre Übel eingestehen, werden nicht wegen ihrer Übel geliebt, sondern weil sie sie eingestehen; denn es ist etwas Gutes, seine Fehler anzuerkennen, insofern dies Unaufrichtigkeit oder Heuchelei ausschließt.
Antwort auf Einwand 3: Das Schöne ist dasselbe wie das Gute, und sie unterscheiden sich nur begrifflich. Denn da das Gute das ist, was alle erstreben, ist der Begriff des Guten derjenige, der das Begehren beruhigt; während der Begriff des Schönen derjenige ist, der das Begehren beruhigt, indem er gesehen oder erkannt wird. Folglich beziehen sich jene Sinne hauptsächlich auf das Schöne, die am meisten erkenntnismäßig sind, nämlich Sehen und Hören, da sie der Vernunft dienen; denn wir sprechen von schönen Anblicken und schönen Klängen. Aber in Bezug auf die anderen Objekte der anderen Sinne verwenden wir den Ausdruck „schön“ nicht, denn wir sprechen nicht von schönen Geschmäckern und schönen Gerüchen. So ist es offensichtlich, dass die Schönheit zum Guten eine Beziehung zum Erkenntnisvermögen hinzufügt: so dass „gut“ das bedeutet, was dem Begehren schlechthin gefällt; während das „Schöne“ etwas ist, dessen Erfassung angenehm ist.