I-II, q. 27 a. 2
Ob Erkenntnis eine Ursache der Liebe ist?
Quaestio 27 · Von der Ursache der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass Erkenntnis keine Ursache der Liebe ist. Denn es ist der Liebe geschuldet, dass ein Ding gesucht wird. Aber manche Dinge werden gesucht, ohne erkannt zu sein, zum Beispiel die Wissenschaften; denn da „sie zu haben dasselbe ist wie sie zu wissen“, wie Augustinus sagt (Quaest. [83], qu. 35), würden wir sie, wenn wir sie wüssten, bereits haben und nicht mehr suchen. Daher ist Erkenntnis nicht die Ursache der Liebe.
Einwand 2: Ferner scheint das Lieben dessen, was wir nicht kennen, so zu sein, als liebte man etwas mehr, als man es erkennt. Aber manche Dinge werden mehr geliebt, als sie erkannt werden: so kann Gott in diesem Leben in sich selbst geliebt, aber nicht in sich selbst erkannt werden. Daher ist Erkenntnis nicht die Ursache der Liebe.
Einwand 3: Ferner, wenn Erkenntnis die Ursache der Liebe wäre, gäbe es keine Liebe, wo keine Erkenntnis ist. Aber in allen Dingen ist Liebe, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv); wohingegen nicht in allen Dingen Erkenntnis ist. Daher ist Erkenntnis nicht die Ursache der Liebe.
Dagegen spricht, dass Augustinus beweist (De Trin. x, 1, 2), dass „niemand lieben kann, was er nicht kennt.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [1]), das Gute die Ursache der Liebe ist, insofern es ihr Objekt ist. Das Gute ist aber nicht Objekt des Begehrens, außer als erfasstes. Und daher verlangt die Liebe eine gewisse Erfassung des Guten, das geliebt wird. Aus diesem Grund sagt der Philosoph (Ethic. ix, 5, 12), dass das körperliche Sehen der Anfang der sinnlichen Liebe ist: und in gleicher Weise ist die Betrachtung der geistigen Schönheit oder Güte der Anfang der geistigen Liebe. Demgemäß ist die Erkenntnis aus demselben Grund die Ursache der Liebe wie das Gute, welches nur geliebt werden kann, wenn es erkannt ist.
Antwort auf Einwand 1: Wer die Wissenschaft sucht, ist nicht gänzlich ohne Erkenntnis derselben: sondern er weiß bereits in gewisser Hinsicht etwas über sie, entweder auf allgemeine Weise oder in einer ihrer Wirkungen oder weil er gehört hat, dass sie gelobt wird, wie Augustinus sagt (De Trin. x, 1, 2). Aber sie zu haben, heißt nicht, sie so zu wissen, sondern sie vollkommen zu wissen.
Antwort auf Einwand 2: Zur Vollkommenheit der Erkenntnis wird etwas erfordert, was für die Vollkommenheit der Liebe nicht erforderlich ist. Denn die Erkenntnis gehört zur Vernunft, deren Funktion es ist, Dinge zu unterscheiden, die in der Realität vereint sind, und Dinge, die verschieden sind, gewissermaßen zu vereinen, indem sie eines mit dem anderen vergleicht. Folglich erfordert die Vollkommenheit der Erkenntnis, dass der Mensch alles deutlich erkennt, was in einem Ding ist, wie seine Teile, Kräfte und Eigenschaften. Andererseits ist die Liebe im Begehrungsvermögen, welches ein Ding betrachtet, wie es in sich selbst ist: weshalb es für die Vollkommenheit der Liebe genügt, dass ein Ding geliebt wird, so wie es in sich selbst erkannt ist. Daher kommt es, dass ein Ding mehr geliebt wird, als es erkannt ist; da es vollkommen geliebt werden kann, selbst ohne vollkommen erkannt zu sein. Dies ist am offensichtlichsten in Bezug auf die Wissenschaften, die manche lieben, weil sie eine gewisse allgemeine Kenntnis von ihnen haben: zum Beispiel wissen sie, dass die Rhetorik eine Wissenschaft ist, die den Menschen befähigt, andere zu überzeugen; und dies ist es, was sie an der Rhetorik lieben. Dasselbe gilt für die Liebe zu Gott.
Antwort auf Einwand 3: Auch die natürliche Liebe, die in allen Dingen ist, wird durch eine Art von Erkenntnis verursacht, die zwar nicht in den natürlichen Dingen selbst existiert, sondern in Demjenigen, der ihre Natur erschaffen hat, wie oben gesagt wurde (Quaestio [26], Artikel [1]; vgl. FP, Quaestio [6], Artikel [1], ad 2).