I-II, q. 25 a. 4
Ob dies die vier Hauptleidenschaften sind: Freude, Traurigkeit, Hoffnung und Furcht?
Quaestio 25 · Von der Ordnung der Leidenschaften zueinander
Einwand 1: Es scheint, dass Freude, Traurigkeit, Hoffnung und Furcht nicht die vier Hauptleidenschaften sind. Denn Augustinus (De Civ. Dei XIV, 3,[7] ff.) lässt die Hoffnung aus und setzt das Verlangen an ihre Stelle.
Einwand 2: Ferner gibt es eine zweifache Ordnung in den Leidenschaften der Seele: die Ordnung der Absicht und die Ordnung der Ausführung oder Entstehung. Die Hauptleidenschaften sollten daher entweder in der Ordnung der Absicht genommen werden; und so wären Freude und Traurigkeit, welche die finalen Leidenschaften sind, die Hauptleidenschaften; oder in der Ordnung der Ausführung oder Entstehung, und so wäre die Liebe die Hauptleidenschaft. Daher sollten Freude und Traurigkeit, Hoffnung und Furcht in keiner Weise die vier Hauptleidenschaften genannt werden.
Einwand 3: Ferner, so wie Kühnheit durch Hoffnung verursacht wird, so wird Furcht durch Verzweiflung verursacht. Entweder sollten daher Hoffnung und Verzweiflung als Hauptleidenschaften gerechnet werden, da sie andere verursachen: oder Hoffnung und Kühnheit, da sie miteinander verwandt sind.
Dagegen spricht, dass Boethius (De Consol. I) bei der Aufzählung der vier Hauptleidenschaften sagt:
„Verbannt die Freuden, verbannt die Ängste,
Jagt die Hoffnung fort, und kein Schmerz sei da.“
Ich antworte darauf, dass diese vier gemeinhin die Hauptleidenschaften genannt werden. Zwei von ihnen, nämlich Freude und Traurigkeit, werden Hauptleidenschaften genannt, weil in ihnen alle anderen Leidenschaften ihre Vollendung und ihr Ende haben; weshalb sie aus allen anderen Leidenschaften entstehen, wie in Ethik II, 5 dargelegt ist. Furcht und Hoffnung sind Hauptleidenschaften, nicht weil sie die anderen schlechthin vollenden, sondern weil sie sie hinsichtlich der Bewegung des Appetits auf etwas hin vollenden: denn in Bezug auf das Gute beginnt die Bewegung in der Liebe, schreitet fort zum Verlangen und endet in der Hoffnung; während sie in Bezug auf das Böse im Hass beginnt, zur Abneigung weitergeht und in der Furcht endet. Daher ist es üblich, diese vier Leidenschaften in Bezug auf die Gegenwart und die Zukunft zu unterscheiden: denn Bewegung betrifft die Zukunft, während Ruhe in etwas Gegenwärtigem ist: so dass Freude sich auf gegenwärtiges Gut bezieht, Traurigkeit sich auf gegenwärtiges Übel bezieht; Hoffnung betrachtet zukünftiges Gut, und Furcht zukünftiges Übel.
Was die anderen Leidenschaften betrifft, die Gutes oder Böses, Gegenwärtiges oder Zukünftiges betrachten, so gipfeln sie alle in diesen vier. Aus diesem Grund haben einige gesagt, dass diese vier die Hauptleidenschaften sind, weil sie allgemeine Leidenschaften sind; und dies ist wahr, vorausgesetzt, dass wir unter Hoffnung und Furcht die allgemeine Tendenz des Appetits verstehen, etwas zu begehren oder zu meiden.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus setzt Verlangen oder Begierde an die Stelle der Hoffnung, insofern sie denselben Gegenstand zu betrachten scheinen, nämlich irgendein zukünftiges Gut.
Antwort auf Einwand 2: Diese werden Hauptleidenschaften genannt in der Ordnung der Absicht und Vollendung. Und obwohl Furcht und Hoffnung nicht die letzten Leidenschaften schlechthin sind, so sind sie doch die letzten jener Leidenschaften, die auf etwas als Zukünftiges tendieren. Auch kann das Argument nicht weiter vorangetrieben werden, außer im Fall des Zorns: doch kann auch der Zorn nicht als Hauptleidenschaft gerechnet werden, weil er eine Wirkung der Kühnheit ist, welche keine Hauptleidenschaft sein kann, wie wir weiter unten darlegen werden (Antwort auf Einwand 3).
Antwort auf Einwand 3: Verzweiflung impliziert eine Bewegung weg vom Guten; und dies ist gleichsam akzidentell: und Kühnheit impliziert eine Bewegung hin zum Übel; und auch dies ist akzidentell. Folglich können diese keine Hauptleidenschaften sein; weil das, was akzidentell ist, nicht als hauptsächliche bezeichnet werden kann. Und so kann auch der Zorn keine Hauptleidenschaft genannt werden, weil er aus der Kühnheit entsteht.