I-II, q. 25 a. 3
Ob die Hoffnung die erste der zornmütigen Leidenschaften ist?
Quaestio 25 · Von der Ordnung der Leidenschaften zueinander
Einwand 1: Es scheint, dass die Hoffnung nicht die erste der zornmütigen Leidenschaften ist. Denn das zornmütige Vermögen ist nach dem Zorn benannt. Da also „die Dinge nach ihrem Hauptmerkmal benannt werden“ (vgl. Artikel [2], Einwand [1]), scheint es, dass der Zorn der Hoffnung vorausgeht und sie übertrifft.
Einwand 2: Ferner ist der Gegenstand des zornmütigen Vermögens etwas Schwieriges. Nun scheint es schwieriger, danach zu streben, ein entgegengesetztes Übel zu überwinden, das uns bald zu ereilen droht, was zur Kühnheit gehört; oder ein tatsächlich gegenwärtiges Übel, was zum Zorn gehört; als einfach danach zu streben, irgendein Gut zu erlangen. Wiederum scheint es schwieriger, danach zu streben, ein gegenwärtiges Übel zu überwinden, als ein zukünftiges Übel. Daher scheint der Zorn eine stärkere Leidenschaft zu sein als die Kühnheit, und die Kühnheit stärker als die Hoffnung. Und folglich scheint es, dass die Hoffnung ihnen nicht vorausgeht.
Einwand 3: Ferner, wenn ein Ding zu einem Ziel hin bewegt wird, geht die Bewegung des Rückzugs der Bewegung der Annäherung voraus. Aber Furcht und Verzweiflung implizieren einen Rückzug von etwas; während Kühnheit und Hoffnung eine Annäherung an etwas implizieren. Daher gehen Furcht und Verzweiflung der Hoffnung und der Kühnheit voraus.
Dagegen spricht, dass je näher ein Ding dem Ersten ist, desto mehr geht es anderen voraus. Aber die Hoffnung ist der Liebe näher, welche die erste der Leidenschaften ist. Daher ist die Hoffnung die erste der Leidenschaften im zornmütigen Vermögen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), alle zornmütigen Leidenschaften eine Bewegung auf etwas hin implizieren. Nun kann diese Bewegung des zornmütigen Vermögens auf etwas hin auf zwei Ursachen zurückzuführen sein: eine ist die bloße Eignung oder Proportion zum Ziel; und dies gehört zu Liebe oder Hass, jenen, deren Gegenstand gut oder böse ist; und dies gehört zu Traurigkeit oder Freude. Tatsächlich erzeugt die Anwesenheit des Guten keine Leidenschaft im Zornmütigen, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [3],4); aber die Anwesenheit des Übels ruft die Leidenschaft des Zorns hervor.
Da also in der Ordnung der Entstehung oder Ausführung die Proportion oder Eignung zum Ziel der Erreichung des Ziels vorausgeht, folgt daraus, dass von allen zornmütigen Leidenschaften der Zorn der letzte in der Ordnung der Entstehung ist. Und unter den anderen Leidenschaften des zornmütigen Vermögens, die eine Bewegung implizieren, die aus der Liebe zum Guten oder dem Hass auf das Böse entsteht, müssen jene, deren Gegenstand das Gute ist, nämlich Hoffnung und Verzweiflung, von Natur aus jenen vorausgehen, deren Gegenstand das Böse ist, nämlich Kühnheit und Furcht: jedoch so, dass die Hoffnung der Verzweiflung vorausgeht; da die Hoffnung eine Bewegung zum Guten als solchem ist, welches wesentlich anziehend ist, so dass die Hoffnung direkt zum Guten tendiert; wohingegen Verzweiflung eine Bewegung weg vom Guten ist, eine Bewegung, die mit dem Guten vereinbar ist, nicht als solchem, sondern in Bezug auf etwas anderes, weshalb ihre Tendenz weg vom Guten gleichsam akzidentell ist. In gleicher Weise geht die Furcht, da sie eine Bewegung weg vom Übel ist, der Kühnheit voraus. Und dass Hoffnung und Verzweiflung von Natur aus Furcht und Kühnheit vorausgehen, ist daraus ersichtlich, dass so wie das Verlangen nach dem Guten der Grund für das Meiden des Übels ist, so sind Hoffnung und Verzweiflung der Grund für Furcht und Kühnheit: weil Kühnheit aus der Hoffnung auf Sieg entsteht und Furcht aus der Verzweiflung am Überwinden entsteht. Schließlich entsteht Zorn aus Kühnheit: denn niemand ist zornig, während er Rache sucht, es sei denn, er wagt es, sich zu rächen, wie Avicenna im sechsten Buch seiner Physik bemerkt. Demnach ist es offensichtlich, dass die Hoffnung die erste aller zornmütigen Leidenschaften ist.
Und wenn wir die Ordnung aller Leidenschaften im Wege der Entstehung wissen wollen, so sind Liebe und Hass die ersten; Verlangen und Abneigung die zweiten; Hoffnung und Verzweiflung die dritten; Furcht und Kühnheit die vierten; Zorn die fünfte; sechste und letzte sind Freude und Traurigkeit, die aus allen Leidenschaften folgen, wie in Ethik II, 5 dargelegt: jedoch so, dass Liebe dem Hass vorausgeht; Verlangen der Abneigung vorausgeht; Hoffnung der Verzweiflung vorausgeht; Furcht der Kühnheit vorausgeht; und Freude der Traurigkeit vorausgeht, wie aus dem oben Dargelegten entnommen werden kann.
Antwort auf Einwand 1: Weil der Zorn aus den anderen Leidenschaften entsteht, wie eine Wirkung aus den Ursachen, die ihr vorausgehen, hat das Vermögen seinen Namen vom Zorn, da dieser offensichtlicher ist als die anderen Leidenschaften.
Antwort auf Einwand 2: Nicht die Schwierigkeit, sondern das Gute ist der Grund für Annäherung oder Verlangen. Folglich hat die Hoffnung, die das Gute direkter betrachtet, den Vorrang: obwohl zuweilen Kühnheit oder sogar Zorn etwas Schwierigeres betrachten.
Antwort auf Einwand 3: Die Bewegung des Appetits ist wesentlich und direkt auf das Gute als auf seinen eigentlichen Gegenstand gerichtet; seine Bewegung weg vom Übel resultiert daraus. Denn die Bewegung des begehrenden Teils steht im Verhältnis nicht zur natürlichen Bewegung, sondern zur Absicht der Natur, die das Ziel beabsichtigt, bevor sie die Beseitigung eines Gegenteils beabsichtigt, welche Beseitigung nur um der Erlangung des Ziels willen begehrt wird.