I-II, q. 25 a. 2
Ob die Liebe die erste der begehrenden Leidenschaften ist?
Quaestio 25 · Von der Ordnung der Leidenschaften zueinander
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht die erste der begehrenden Leidenschaften ist. Denn das begehrende Vermögen wird so genannt von der Begierde (concupiscentia), welche dieselbe Leidenschaft ist wie das Verlangen. Aber „die Dinge werden nach ihrem Hauptmerkmal benannt“ (De Anima II, 4). Daher hat das Verlangen Vorrang vor der Liebe.
Einwand 2: Ferner impliziert Liebe eine gewisse Vereinigung; da sie eine „vereinende und bindende Kraft“ ist, wie Dionysius sagt (Div. Nom. IV). Aber Begierde oder Verlangen ist eine Bewegung hin zur Vereinigung mit dem begehrten oder verlangten Ding. Daher geht das Verlangen der Liebe voraus.
Einwand 3: Ferner geht die Ursache ihrer Wirkung voraus. Aber Freude ist manchmal die Ursache der Liebe: da manche aufgrund von Freude lieben (Ethik VIII, 3,4). Daher geht die Freude der Liebe voraus; und folglich ist die Liebe nicht die erste der begehrenden Leidenschaften.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei XIV, 7,9), dass alle Leidenschaften durch die Liebe verursacht werden: denn „die Liebe, die nach dem geliebten Gegenstand schmachtet, ist Verlangen; und wenn sie ihn hat und genießt, ist sie Freude.“ Daher ist die Liebe die erste der begehrenden Leidenschaften.
Ich antworte darauf, dass Gut und Böse der Gegenstand des begehrenden Vermögens sind. Nun geht das Gute von Natur aus dem Bösen voraus; da das Böse die Beraubung des Guten ist. Daher sind alle Leidenschaften, deren Gegenstand das Gute ist, von Natur aus vor jenen, deren Gegenstand das Böse ist – das heißt, jede geht ihrer entgegengesetzten Leidenschaft voraus: denn das Streben nach einem Gut ist der Grund für das Meiden des entgegengesetzten Übels.
Nun hat das Gute den Aspekt eines Ziels, und das Ziel ist zwar das Erste in der Ordnung der Absicht, aber das Letzte in der Ordnung der Ausführung. Folglich kann die Ordnung der begehrenden Leidenschaften entweder in der Ordnung der Absicht oder in der Ordnung der Ausführung betrachtet werden. In der Ordnung der Ausführung gebührt der erste Platz dem, was zuerst in dem Ding stattfindet, das zum Ziel strebt. Nun ist es offensichtlich, dass alles, was zu einem Ziel strebt, erstens eine Eignung oder Proportion zu diesem Ziel hat, denn nichts strebt zu einem unverhältnismäßigen Ziel; zweitens wird es zu diesem Ziel bewegt; drittens ruht es im Ziel, nachdem es dieses erreicht hat. Und eben diese Eignung oder Proportion des Appetits zum Guten ist die Liebe, welche ein Wohlgefallen am Guten ist; während die Bewegung zum Guten das Verlangen oder die Begierde ist; und die Ruhe im Guten ist Freude oder Lust. Demnach geht in dieser Ordnung die Liebe dem Verlangen voraus, und das Verlangen geht der Freude voraus. Aber in der Ordnung der Absicht ist es umgekehrt: weil die beabsichtigte Freude Verlangen und Liebe verursacht. Denn Freude ist der Genuss des Guten, welcher Genuss in gewisser Weise das Ziel ist, so wie das Gute selbst, wie oben dargelegt (Frage [11], Artikel [3], zu 3).
Antwort auf Einwand 1: Wir benennen ein Ding so, wie wir es verstehen, denn „Wörter sind Zeichen der Gedanken“, wie der Philosoph feststellt (Peri Herm. I, 1). Nun erkennen wir in den meisten Fällen eine Ursache durch ihre Wirkung. Die Wirkung der Liebe aber, wenn der geliebte Gegenstand besessen wird, ist Freude; wenn er nicht besessen wird, ist es Verlangen oder Begierde: und wie Augustinus sagt (De Trin. X, 12), „fühlen wir die Liebe stärker, wenn uns das fehlt, was wir lieben.“ Folglich wird von allen begehrenden Leidenschaften die Begierde am meisten empfunden; und aus diesem Grund ist das Vermögen nach ihr benannt.
Antwort auf Einwand 2: Die Vereinigung von Liebendem und Geliebtem ist zweifach. Es gibt eine reale Vereinigung, die in der Verbindung des einen mit dem anderen besteht. Diese Vereinigung gehört zur Freude oder Lust, die dem Verlangen folgt. Es gibt auch eine affektive Vereinigung, die in einer Eignung oder Proportion besteht, insofern ein Ding, allein durch die Tatsache, dass es eine Eignung und eine Neigung zu einem anderen hat, an diesem teilhat: und Liebe bezeichnet eine solche Vereinigung. Diese Vereinigung geht der Bewegung des Verlangens voraus.
Antwort auf Einwand 3: Freude verursacht Liebe, insofern sie der Liebe in der Ordnung der Absicht vorausgeht.