I-II, q. 25 a. 1
Ob die zornmütigen Leidenschaften den begehrenden vorausgehen oder umgekehrt?
Quaestio 25 · Von der Ordnung der Leidenschaften zueinander
Einwand 1: Es scheint, dass die zornmütigen Leidenschaften den begehrenden vorausgehen. Denn die Ordnung der Leidenschaften entspricht der ihrer Gegenstände. Der Gegenstand des zornmütigen Vermögens aber ist das schwierige Gute, welches das höchste Gut zu sein scheint. Daher scheinen die zornmütigen Leidenschaften den begehrenden vorauszugehen.
Einwand 2: Ferner geht der Beweger dem Bewegten voraus. Das zornmütige Vermögen aber verhält sich zum begehrenden wie der Beweger zum Bewegten; denn es ist den Tieren gegeben, um die Hindernisse zu beseitigen, die das begehrende Vermögen daran hindern, seinen Gegenstand zu genießen, wie oben dargelegt wurde (Frage [23], Artikel [1], zu 1; FP, Frage [81], Artikel [2]). Nun ist aber „das, was ein Hindernis beseitigt, eine Art Beweger“ (Phys. VIII, 4). Also gehen die zornmütigen Leidenschaften den begehrenden voraus.
Einwand 3: Ferner sind Freude und Traurigkeit begehrende Leidenschaften. Freude und Traurigkeit folgen aber auf die zornmütigen Leidenschaften; denn der Philosoph sagt (Ethik IV, 5), dass „die Vergeltung den Zorn beendet, weil sie Lust statt des vorherigen Schmerzes bewirkt.“ Daher folgen die begehrenden Leidenschaften auf die zornmütigen.
Dagegen spricht, dass die begehrenden Leidenschaften das Gute schlechthin betrachten, die zornmütigen Leidenschaften hingegen ein eingeschränktes, nämlich das schwierige Gute. Da nun das Gute schlechthin dem eingeschränkten Guten vorausgeht, scheint es, dass die begehrenden Leidenschaften den zornmütigen vorausgehen.
Ich antworte darauf, dass in den begehrenden Leidenschaften eine größere Verschiedenheit herrscht als in den Leidenschaften des zornmütigen Vermögens. Denn in ersteren finden wir etwas, das sich auf Bewegung bezieht – z. B. Begierde; und etwas, das zur Ruhe gehört, z. B. Freude und Traurigkeit. In den zornmütigen Leidenschaften aber gibt es nichts, was zur Ruhe gehört, sondern nur das, was zur Bewegung gehört. Der Grund dafür ist, dass wir, wenn wir in einer Sache Ruhe finden, diese nicht mehr als etwas Schwieriges oder Mühsames betrachten; ein solches aber ist der Gegenstand des zornmütigen Vermögens.
Da nun die Ruhe das Ziel der Bewegung ist, steht sie in der Ordnung der Absicht an erster Stelle, in der Ordnung der Ausführung jedoch an letzter. Wenn wir also die Leidenschaften des zornmütigen Vermögens mit jenen begehrenden Leidenschaften vergleichen, die Ruhe im Guten bezeichnen, so ist offensichtlich, dass in der Ordnung der Ausführung die zornmütigen Leidenschaften solchen Leidenschaften des begehrenden Vermögens vorausgehen: So geht die Hoffnung der Freude voraus und verursacht sie daher, gemäß dem Apostel (Röm 12,12): „Seid fröhlich in der Hoffnung.“ Die begehrende Leidenschaft jedoch, die Ruhe im Übel bezeichnet, nämlich die Traurigkeit, steht zwischen zwei zornmütigen Leidenschaften: Denn sie folgt auf die Furcht, da wir traurig werden, wenn wir mit dem Übel konfrontiert sind, das wir fürchteten; während sie der Bewegung des Zorns vorausgeht, da die Bewegung der Selbstverteidigung, die aus der Traurigkeit resultiert, die Bewegung des Zorns ist. Und weil es als etwas Gutes angesehen wird, das uns angetane Übel heimzuzahlen, freut sich der Zornige, wenn er dies erreicht hat. So ist offensichtlich, dass jede Leidenschaft des zornmütigen Vermögens in einer begehrenden Leidenschaft endet, die Ruhe bezeichnet, nämlich entweder in Freude oder in Traurigkeit.
Wenn wir aber die zornmütigen Leidenschaften mit jenen begehrenden Leidenschaften vergleichen, die Bewegung bezeichnen, dann ist klar, dass letztere den Vorrang haben: Denn die Leidenschaften des zornmütigen Vermögens fügen denen des begehrenden Vermögens etwas hinzu; so wie der Gegenstand des Zornmütigen dem Gegenstand des Begehrenden den Aspekt der Mühsal oder Schwierigkeit hinzufügt. So fügt die Hoffnung der Begierde eine gewisse Anstrengung und eine gewisse Erhebung des Gemüts zur Verwirklichung des schwierigen Guten hinzu. In gleicher Weise fügt die Furcht dem Abscheu oder der Verabscheuung eine gewisse Niedergeschlagenheit des Gemüts hinzu, wegen der Schwierigkeit, das Übel zu meiden.
Demnach stehen die Leidenschaften des zornmütigen Vermögens zwischen jenen begehrenden Leidenschaften, die eine Bewegung zum Guten oder zum Übel bezeichnen, und jenen begehrenden Leidenschaften, die Ruhe im Guten oder im Übel bezeichnen. Und es ist daher offensichtlich, dass die zornmütigen Leidenschaften sowohl aus den Leidenschaften des begehrenden Vermögens entstehen als auch in ihnen enden.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument würde greifen, wenn der formale Gegenstand des begehrenden Vermögens etwas dem Schwierigen Entgegengesetztes wäre, so wie der formale Gegenstand des zornmütigen Vermögens das Schwierige ist. Da aber der Gegenstand des begehrenden Vermögens das Gute schlechthin ist, geht er dem Gegenstand des Zornmütigen von Natur aus voraus, wie das Allgemeine dem Besonderen vorausgeht.
Antwort auf Einwand 2: Der Beseitiger eines Hindernisses ist kein direkter, sondern ein akzidenteller Beweger; hier aber sprechen wir von Leidenschaften, wie sie direkt aufeinander bezogen sind. Zudem beseitigt die zornmütige Leidenschaft das Hindernis, das das begehrende Vermögen daran hindert, in seinem Gegenstand zu ruhen. Daher folgt nur, dass die zornmütigen Leidenschaften jenen begehrenden Leidenschaften vorausgehen, die Ruhe bedeuten. Der dritte Einwand führt zum gleichen Schluss.