I-II, q. 24 a. 4
Ob irgendeine Leidenschaft ihrer Art nach gut oder böse ist?
Quaestio 24 · Vom Guten und Bösen in den Leidenschaften der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass keine Leidenschaft der Seele ihrer Art [Spezies] nach moralisch gut oder böse ist. Denn moralisch Gutes und Böses hängen von der Vernunft ab. Aber die Leidenschaften sind im sinnlichen Begehrungsvermögen; so dass die Übereinstimmung mit der Vernunft ihnen akzidentell ist. Da nun nichts Akzidentelles zur Art eines Dinges gehört, scheint es, dass keine Leidenschaft ihrer Art nach gut oder böse ist.
Einwand 2: Ferner nehmen Handlungen und Leidenschaften ihre Art vom Objekt her. Wenn also irgendeine Leidenschaft ihrer Art nach gut oder böse wäre, würde folgen, dass jene Leidenschaften, deren Objekt gut ist, spezifisch gut sind, wie Liebe, Begehren und Freude: und dass jene Leidenschaften, deren Objekt böse ist, spezifisch böse sind, wie Hass, Furcht und Traurigkeit. Aber dies ist offensichtlich falsch. Also ist keine Leidenschaft ihrer Art nach gut oder böse.
Einwand 3: Ferner gibt es keine Art von Leidenschaft, die nicht auch bei anderen Tieren zu finden wäre. Aber moralisch Gutes gibt es nur beim Menschen. Also ist keine Leidenschaft der Seele ihrer Art nach gut oder böse.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 5), dass „Mitleid eine Art von Tugend ist“. Überdies sagt der Philosoph (Ethic. ii, 7), dass Schamhaftigkeit eine lobenswerte Leidenschaft ist. Also sind einige Leidenschaften ihrer Art nach gut oder böse.
Ich antworte darauf, dass wir anscheinend auf die Leidenschaften anwenden müssen, was in Bezug auf Handlungen gesagt wurde (Frage [18], Artikel [5],6; Frage [20], Artikel [1]) – nämlich, dass die Art einer Leidenschaft, wie die Art einer Handlung, unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Erstens gemäß ihrer natürlichen Gattung; und so haben moralisch Gutes und Böses keine Verbindung mit der Art einer Handlung oder Leidenschaft. Zweitens gemäß ihrer moralischen Gattung, insofern sie freiwillig und von der Vernunft kontrolliert ist. Auf diese Weise können moralisch Gutes und Böses zur Art einer Leidenschaft gehören, insofern das Objekt, auf das eine Leidenschaft tendiert, an sich in Harmonie oder in Zwietracht mit der Vernunft steht: wie im Fall der „Scham“, die eine niedrige Furcht ist; und des „Neides“, der Trauer über das Gut eines anderen ist: denn so gehören Leidenschaften zur selben Art wie die äußere Handlung.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet die Leidenschaften in ihrer natürlichen Art, insofern das sinnliche Begehrungsvermögen in sich selbst betrachtet wird. Aber insofern das sinnliche Begehrungsvermögen der Vernunft gehorcht, sind das Gute und Böse der Vernunft nicht mehr akzidentell in den Leidenschaften des Begehrungsvermögens, sondern essentiell.
Antwort auf Einwand 2: Leidenschaften, die eine Tendenz zum Guten haben, sind selbst gut, wenn sie zu dem tendieren, was wahrhaft gut ist, und in gleicher Weise, wenn sie sich von dem abwenden, was wahrhaft böse ist. Andererseits sind jene Leidenschaften, die in der Abwendung vom Guten und einer Tendenz zum Bösen bestehen, selbst böse.
Antwort auf Einwand 3: Bei vernunftlosen Tieren gehorcht das sinnliche Begehrungsvermögen nicht der Vernunft. Dennoch, insofern sie von einer Art Schätzvermögen [vis aestimativa] geleitet werden, das einer höheren, d.h. der göttlichen Vernunft unterworfen ist, gibt es in ihnen eine gewisse Ähnlichkeit des moralisch Guten in Bezug auf die Leidenschaften der Seele.