I-II, q. 24 a. 2
Ob jede Leidenschaft der Seele moralisch böse ist?
Quaestio 24 · Vom Guten und Bösen in den Leidenschaften der Seele
Einwand 1: Es scheint, dass alle Leidenschaften der Seele moralisch böse sind. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 4), dass „einige die Leidenschaften der Seele Krankheiten oder Störungen der Seele nennen“ [*Jene Dinge, welche die Griechen {pathe} nennen, nennen wir lieber Störungen als Krankheiten (Tusc. iv. 5)]. Aber jede Krankheit oder Störung der Seele ist moralisch böse. Also ist jede Leidenschaft der Seele moralisch böse.
Einwand 2: Ferner sagt Damascenus (De Fide Orth. ii, 22), dass „Bewegung in Übereinstimmung mit der Natur eine Handlung ist, Bewegung gegen die Natur aber Leidenschaft“. Bei Bewegungen der Seele aber ist das, was gegen die Natur ist, sündhaft und moralisch böse: daher sagt er an anderer Stelle (De Fide Orth. ii, 4), dass „der Teufel sich von dem, was der Natur entspricht, zu dem gewandt hat, was gegen die Natur ist“. Also sind diese Leidenschaften moralisch böse.
Einwand 3: Ferner hat alles, was zur Sünde führt, einen Aspekt des Bösen. Diese Leidenschaften aber führen zur Sünde: weshalb sie „Leidenschaften der Sünden“ genannt werden (Röm 7,5). Daher scheint es, dass sie moralisch böse sind.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 9), dass „alle diese Regungen bei denen recht sind, deren Liebe recht geordnet ist ... Denn sie fürchten zu sündigen, sie begehren zu verharren; sie trauern über die Sünde, sie freuen sich über gute Werke.“
Ich antworte darauf, dass bei dieser Frage die Meinung der Stoiker von der der Peripatetiker abwich: denn die Stoiker vertraten die Ansicht, dass alle Leidenschaften böse seien, während die Peripatetiker behaupteten, dass mäßige Leidenschaften gut seien. Dieser Unterschied, obwohl er in Worten groß erscheint, ist dennoch in Wirklichkeit gar keiner oder nur gering, wenn wir die Absicht beider Schulen betrachten. Denn die Stoiker unterschieden nicht zwischen Sinn und Intellekt; und folglich auch nicht zwischen dem intellektuellen und dem sinnlichen Begehren. Daher unterschieden sie die Leidenschaften der Seele nicht von den Bewegungen des Willens, insofern die Leidenschaften der Seele im sinnlichen Begehrungsvermögen sind, während die einfachen Bewegungen des Willens im intellektuellen Begehrungsvermögen sind: sondern jede rationale Bewegung des begehrenden Teils nannten sie Wille, während sie eine Bewegung, welche die Grenzen der Vernunft überschreitet, Leidenschaft nannten. Weshalb Cicero, ihrer Meinung folgend (De Tusc. Quaest. iii, 4), alle Leidenschaften „Krankheiten der Seele“ nennt: woraus er folgert, dass „diejenigen, die krank sind, ungesund sind; und diejenigen, die ungesund sind, es an Verstand fehlen lassen“. Daher sprechen wir von denen, denen es an Verstand fehlt, als „ungesund“ [insanus].
Andererseits geben die Peripatetiker den Namen „Leidenschaften“ allen Bewegungen des sinnlichen Begehrungsvermögens. Weshalb sie diese als gut erachten, wenn sie von der Vernunft kontrolliert werden; und als böse, wenn sie nicht von der Vernunft kontrolliert werden. Daher ist es offensichtlich, dass Cicero zu Unrecht die Theorie der Peripatetiker von einer Mitte in den Leidenschaften missbilligte (De Tusc. Quaest. iii, 4), wenn er sagt, dass „jedes Übel, auch wenn es mäßig ist, gemieden werden sollte; denn so wie ein Körper, auch wenn er nur mäßig krankt, nicht gesund ist; so ist diese Mitte in den Krankheiten oder Leidenschaften der Seele nicht gesund.“ Denn Leidenschaften werden nicht „Krankheiten“ oder „Störungen“ der Seele genannt, außer wenn sie nicht von der Vernunft kontrolliert werden.
Daher ist die Antwort auf den ersten Einwand offensichtlich.
Antwort auf Einwand 2: In jeder Leidenschaft gibt es eine Zunahme oder Abnahme der natürlichen Bewegung des Herzens, je nachdem, ob das Herz mehr oder weniger intensiv durch Zusammenziehung und Ausdehnung bewegt wird; und daher leitet sie den Charakter der Leidenschaft ab. Aber es ist nicht notwendig, dass die Leidenschaft immer von der Ordnung der natürlichen Vernunft abweicht.
Antwort auf Einwand 3: Die Leidenschaften der Seele neigen uns zur Sünde, insofern sie der Ordnung der Vernunft entgegenstehen: aber insofern sie von der Vernunft kontrolliert werden, gehören sie zur Tugend.