I-II, q. 23 a. 4
Ob es im selben Vermögen Leidenschaften gibt, die zwar der Art nach verschieden, aber einander nicht entgegengesetzt sind?
Quaestio 23 · Wie sich die Leidenschaften voneinander unterscheiden.
Einwand 1: Es scheint, dass es im selben Vermögen keine der Art nach verschiedenen Leidenschaften geben kann, die einander nicht entgegengesetzt sind. Denn die Leidenschaften der Seele unterscheiden sich gemäß ihren Objekten. Nun sind die Objekte der Leidenschaften der Seele Gut und Böse; und auf dieser Unterscheidung beruht der Gegensatz der Leidenschaften. Also unterscheiden sich keine Leidenschaften desselben Vermögens, die einander nicht entgegengesetzt sind, der Art nach.
Einwand 2: Ferner impliziert die Verschiedenheit der Art eine Verschiedenheit der Form. Aber jede Verschiedenheit der Form besteht in Bezug auf irgendeinen Gegensatz, wie in Metaph. x, 8 dargelegt wird. Also unterscheiden sich Leidenschaften desselben Vermögens, die einander nicht entgegengesetzt sind, nicht der Art nach.
Einwand 3: Ferner, da jede Leidenschaft der Seele in Hinbewegung oder Wegbewegung in Bezug auf Gut oder Böse besteht, scheint es, dass jeder Unterschied in den Leidenschaften der Seele notwendigerweise aus dem Unterschied von Gut und Böse entstehen muss; oder aus dem Unterschied von Hinbewegung und Wegbewegung; oder aus Graden in Hinbewegung oder Wegbewegung. Nun verursachen die ersten beiden Unterschiede einen Gegensatz in den Leidenschaften der Seele, wie oben gesagt (Artikel [2]): wohingegen der dritte Unterschied die Art nicht diversifiziert; sonst wären die Arten der Leidenschaften der Seele unendlich. Daher ist es nicht möglich, dass Leidenschaften desselben Vermögens sich der Art nach unterscheiden, ohne einander entgegengesetzt zu sein.
Dagegen spricht, dass Liebe und Freude sich der Art nach unterscheiden und im Begehrungsvermögen sind; und doch sind sie einander nicht entgegengesetzt; vielmehr verursacht tatsächlich die eine die andere. Also gibt es im selben Vermögen Leidenschaften, die sich der Art nach unterscheiden, ohne einander entgegengesetzt zu sein.
Ich antworte darauf, dass Leidenschaften sich gemäß ihren Wirkursachen unterscheiden, welche im Falle der Leidenschaften der Seele ihre Objekte sind. Nun kann der Unterschied in den Wirkursachen auf zwei Weisen betrachtet werden: erstens vom Gesichtspunkt ihrer Art oder Natur aus, wie Feuer sich von Wasser unterscheidet; zweitens vom Gesichtspunkt des Unterschieds in ihrer Wirkkraft aus. Bei den Leidenschaften der Seele können wir den Unterschied ihrer Wirk- oder Bewegungsursachen in Bezug auf ihre bewegende Kraft behandeln, als ob sie natürliche Agentien wären. Denn jeder Beweger zieht auf gewisse Weise entweder das leidende Teil (das Patiens) an sich oder stößt es von sich ab. Wenn er es nun an sich zieht, bewirkt er drei Dinge im Patiens. Denn erstens verleiht er dem Patiens eine Neigung oder Eignung, zum Beweger zu streben: so verleiht ein leichter Körper, der oben ist, dem erzeugten Körper Leichtigkeit, so dass er eine Neigung oder Eignung hat, oben zu sein. Zweitens, wenn der erzeugte Körper außerhalb seines eigenen Ortes ist, verleiht ihm der Beweger eine Bewegung zu diesem Ort hin. Drittens lässt er ihn ruhen, wenn er an seinen eigenen Ort gekommen ist: denn derselben Ursache sind sowohl die Ruhe an einem Ort als auch die Bewegung zu diesem Ort hin zuzuschreiben. Dasselbe gilt für die Ursache der Abstoßung.
Nun hat in den Bewegungen des appetitiven Vermögens das Gute gleichsam eine Kraft der Anziehung, während das Böse eine Kraft der Abstoßung hat. Erstens also verursacht das Gute im appetitiven Vermögen eine gewisse Neigung, Eignung oder Wesensverwandtschaft in Bezug auf das Gute: und dies gehört zur Leidenschaft der „Liebe“: deren entsprechendes Gegenteil in Bezug auf das Böse der „Hass“ ist. Zweitens, wenn das Gute noch nicht besessen wird, verursacht es im Appetit eine Bewegung zur Erlangung des geliebten Gutes: und dies gehört zur Leidenschaft der „Begierde“ oder „Lust“: und ihr entgegengesetzt ist in Bezug auf das Böse die Leidenschaft der „Abwendung“ oder „Abneigung“. Drittens, wenn das Gute erlangt ist, lässt es den Appetit gleichsam im erlangten Gut ruhen: und dies gehört zur Leidenschaft des „Genusses“ oder der „Freude“; deren Gegenteil in Bezug auf das Böse „Trauer“ oder „Betrübnis“ ist.
Andererseits wird in den Leidenschaften des Streitvermögens die Eignung oder Neigung, das Gute zu suchen oder das Böse zu meiden, als aus dem Begehrungsvermögen stammend vorausgesetzt, welches das Gute oder Böse absolut betrachtet. Und in Bezug auf das noch nicht erlangte Gute haben wir „Hoffnung“ und „Verzweiflung“. In Bezug auf das noch nicht gegenwärtige Böse haben wir „Furcht“ und „Kühnheit“. Aber in Bezug auf das erlangte Gute gibt es keine Leidenschaft des Streitvermögens: weil es nicht länger im Licht von etwas Schwierigem betrachtet wird, wie oben gesagt (Artikel [3]). Aber das bereits gegenwärtige Böse gibt Anlass zur Leidenschaft des „Zorns“.
Dementsprechend ist es klar, dass es im Begehrungsvermögen drei Paare von Leidenschaften gibt; nämlich Liebe und Hass, Begierde und Abneigung, Freude und Trauer. In gleicher Weise gibt es drei Gruppen im Streitvermögen; nämlich Hoffnung und Verzweiflung, Furcht und Kühnheit, und Zorn, der keine gegenteilige Leidenschaft hat.
Folglich gibt es insgesamt elf spezifisch verschiedene Leidenschaften; sechs im Begehrungsvermögen und fünf im Streitvermögen; und unter diesen sind alle Leidenschaften der Seele enthalten.
Hieraus sind die Antworten auf die Einwände ersichtlich.