I-II, q. 23 a. 3
Ob irgendeine Leidenschaft der Seele keinen Gegensatz hat?
Quaestio 23 · Wie sich die Leidenschaften voneinander unterscheiden.
Einwand 1: Es scheint, dass jede Leidenschaft der Seele ein Gegenteil hat. Denn jede Leidenschaft der Seele ist entweder im Streit- oder im Begehrungsvermögen, wie oben gesagt (Artikel [1]). Aber beide Arten von Leidenschaften haben ihre jeweiligen Weisen des Gegensatzes. Also hat jede Leidenschaft der Seele ihr Gegenteil.
Einwand 2: Ferner hat jede Leidenschaft der Seele entweder das Gute oder das Böse zum Objekt; denn dies sind die gemeinsamen Objekte des appetitiven Teils. Aber eine Leidenschaft, die das Gute zum Objekt hat, ist einer Leidenschaft entgegengesetzt, die das Böse zum Objekt hat. Also hat jede Leidenschaft ein Gegenteil.
Einwand 3: Ferner besteht jede Leidenschaft der Seele in Hinbewegung oder Wegbewegung, wie oben gesagt (Artikel [2]). Aber jeder Hinbewegung entspricht eine gegenteilige Wegbewegung und umgekehrt. Also hat jede Leidenschaft der Seele ein Gegenteil.
Dagegen spricht, dass der Zorn eine Leidenschaft der Seele ist. Aber keine Leidenschaft wird als dem Zorn entgegengesetzt festgesetzt, wie in Ethic. iv, 5 dargelegt wird. Also hat nicht jede Leidenschaft ein Gegenteil.
Ich antworte darauf, dass die Leidenschaft des Zorns darin eigenartig ist, dass sie kein Gegenteil haben kann, weder gemäß Hinbewegung und Wegbewegung, noch gemäß dem Gegensatz von Gut und Böse. Denn Zorn wird durch ein schwieriges Übel verursacht, das bereits gegenwärtig ist: und wenn ein solches Übel gegenwärtig ist, muss der Appetit entweder unterliegen, so dass er nicht über die Grenzen der „Trauer“ hinausgeht, welche eine Leidenschaft des Begehrungsvermögens ist; oder aber er hat eine Bewegung des Angriffs auf das schädliche Übel, welche Bewegung die des „Zorns“ ist. Aber er kann keine Bewegung der Wegbewegung (des Rückzugs) haben: weil das Übel als bereits gegenwärtig oder vergangen angenommen wird. So ist dem Zorn keine Leidenschaft gemäß dem Gegensatz von Hinbewegung und Wegbewegung entgegengesetzt.
In gleicher Weise kann es auch keinen Gegensatz gemäß Gut und Böse geben. Denn das Gegenteil des gegenwärtigen Übels ist das erlangte Gut, welches nicht länger den Aspekt des Steilen oder der Schwierigkeit haben kann. Auch bleibt, wenn das Gut einmal erlangt ist, keine andere Bewegung übrig, außer der Ruhe des Appetits im erlangten Gut; welche Ruhe zur Freude gehört, die eine Leidenschaft des Begehrungsvermögens ist.
Dementsprechend kann keine Bewegung der Seele der Bewegung des Zorns entgegengesetzt sein, und nichts anderes als das Aufhören seiner Bewegung ist ihm entgegengesetzt; so sagt der Philosoph (Rhet. ii, 3), dass „die Sanftmut dem Zorn entgegengesetzt ist“, durch eine Entgegensetzung nicht der Kontrarietät, sondern der Negation oder Beraubung.
Aus dem Gesagten sind die Antworten auf die Einwände ersichtlich.