I-II, q. 110 a. 4
Ob die Gnade im Wesen der Seele als in einem Subjekt ist oder in einer der Kräfte?
Quaestio 110 · Von der Gnade Gottes hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade nicht im Wesen der Seele als in einem Subjekt ist, sondern in einer der Kräfte. Denn Augustinus sagt (Hypognosticon iii), dass die Gnade sich zum Willen oder zum freien Willen verhält „wie ein Reiter zu seinem Pferd“. Nun ist der Wille oder der freie Wille eine Kraft, wie oben gesagt wurde (FP, Quaestio [83], Artikel [2]). Also ist die Gnade in einer Kraft der Seele als in einem Subjekt.
Einwand 2: Ferner: „Des Menschen Verdienst entspringt der Gnade“, wie Augustinus sagt (De Gratia et Lib. Arbit. vi). Nun besteht Verdienst in Akten, die aus einer Kraft hervorgehen. Daher scheint es, dass die Gnade eine Vervollkommnung einer Kraft der Seele ist.
Einwand 3: Ferner: Wenn das Wesen der Seele das eigentliche Subjekt der Gnade ist, muss die Seele, insofern sie ein Wesen hat, der Gnade fähig sein. Aber dies ist falsch; da daraus folgen würde, dass jede Seele der Gnade fähig wäre. Also ist das Wesen der Seele nicht das eigentliche Subjekt der Gnade.
Einwand 4: Ferner ist das Wesen der Seele früher als ihre Kräfte. Nun kann das Frühere ohne das Spätere verstanden werden. Daher folgt, dass die Gnade als in der Seele seiend angenommen werden könnte, auch wenn wir keinen Teil oder keine Kraft der Seele voraussetzen – also weder den Willen noch den Intellekt noch irgendetwas anderes; was unmöglich ist.
Dagegen spricht: Durch die Gnade werden wir als Söhne Gottes wiedergeboren. Aber die Zeugung terminiert im Wesen vor den Kräften. Also ist die Gnade im Wesen der Seele, bevor sie in den Kräften ist.
Ich antworte darauf, Diese Frage hängt von der vorhergehenden ab. Denn wenn die Gnade dasselbe ist wie die Tugend, muss sie notwendigerweise in den Kräften der Seele als in einem Subjekt sein; da die Kräfte der Seele das eigentliche Subjekt der Tugend sind, wie oben gesagt wurde (Quaestio [56], Artikel [1]). Wenn aber die Gnade von der Tugend verschieden ist, kann nicht gesagt werden, dass eine Kraft der Seele das Subjekt der Gnade ist, da jede Vervollkommnung der Seelenkräfte die Natur der Tugend hat, wie oben gesagt wurde (Quaestio [55], Artikel [1]; Quaestio [56], Artikel [1]). Daher bleibt, dass die Gnade, da sie früher ist als die Tugend, ein Subjekt hat, das früher ist als die Kräfte der Seele, so dass sie im Wesen der Seele ist. Denn wie der Mensch in seinen intellektiven Kräften durch die Tugend des Glaubens an der göttlichen Erkenntnis teilhat und in seiner Willenskraft durch die Tugend der Liebe an der göttlichen Liebe teilhat, so hat er auch in der Natur der Seele teil an der göttlichen Natur, nach Art einer Ähnlichkeit, durch eine gewisse Wiedergeburt oder Neuschöpfung.
Antwort auf Einwand 1: Wie aus dem Wesen der Seele ihre Kräfte fließen, die die Prinzipien der Taten sind, so fließen gleichermaßen die Tugenden, durch welche die Kräfte zum Handeln bewegt werden, aus der Gnade in die Kräfte der Seele. Und so wird die Gnade mit dem Willen verglichen wie der Beweger mit dem Bewegten, was derselbe Vergleich ist wie der eines Reiters zum Pferd – aber nicht wie ein Akzidens zu einem Subjekt.
Und dadurch wird die Antwort auf den zweiten Einwand klar. Denn die Gnade ist das Prinzip verdienstvoller Werke durch das Medium der Tugenden, wie das Wesen der Seele das Prinzip vitaler Taten durch das Medium der Kräfte ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Seele ist das Subjekt der Gnade, insofern sie in der Spezies der intellektuellen oder rationalen Natur ist. Aber die Seele wird nicht durch irgendeine ihrer Kräfte in eine Spezies eingeordnet, da die Kräfte natürliche Eigenschaften der Seele sind, die der Spezies folgen. Daher unterscheidet sich die Seele spezifisch in ihrem Wesen von anderen Seelen, nämlich denen der stummen Tiere und der Pflanzen. Folglich folgt nicht, dass, wenn das Wesen der menschlichen Seele das Subjekt der Gnade ist, jede Seele das Subjekt der Gnade sein kann; da es dem Wesen der Seele zukommt, insofern sie von einer solchen Spezies ist.
Antwort auf Einwand 4: Da die Kräfte der Seele natürliche Eigenschaften sind, die der Spezies folgen, kann die Seele nicht ohne sie sein. Doch angenommen, sie wäre ohne sie, so würde die Seele immer noch intellektuell oder rational in ihrer Spezies genannt werden, nicht dass sie diese Kräfte aktuell hätte, sondern aufgrund des Wesens einer solchen Spezies, aus dem diese Kräfte natürlicherweise fließen.