I-II, q. 110 a. 1
Ob die Gnade etwas in der Seele setzt?
Quaestio 110 · Von der Gnade Gottes hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade nichts in der Seele setzt. Denn man sagt, der Mensch habe die Gnade Gottes, so wie man von der Gnade [Gunst] eines Menschen spricht. Daher steht geschrieben (Gen 39,21), dass der Herr dem Joseph „Gnade [Vulgata: ‚Gunst‘] vor dem Oberaufseher des Gefängnisses“ gab. Wenn wir nun sagen, dass ein Mensch die Gunst eines anderen hat, so wird damit nichts in demjenigen gesetzt, der die Gunst des anderen hat, sondern es wird eine Annahme in demjenigen impliziert, dessen Gunst er besitzt. Wenn wir also sagen, dass ein Mensch die Gnade Gottes hat, wird nichts in seiner Seele gesetzt; sondern wir bezeichnen damit lediglich die göttliche Annahme.
Einwand 2: Ferner: Wie die Seele den Leib belebt, so belebt Gott die Seele; daher steht geschrieben (Dtn 30,20): „Er ist dein Leben.“ Nun belebt die Seele den Leib unmittelbar. Also kann nichts als ein Mittelglied zwischen Gott und die Seele treten. Daher setzt die Gnade nichts Geschaffenes in der Seele.
Einwand 3: Ferner heißt es zu Röm 1,7 („Gnade sei mit euch und Friede“) in der Glosse: „Gnade, d. h. die Vergebung der Sünden.“ Die Vergebung der Sünde aber setzt nichts in der Seele, sondern nur in Gott, der die Sünde nicht anrechnet, gemäß Ps 31,2: „Selig der Mensch, dem der Herr die Sünde nicht anrechnet.“ Daher setzt auch die Gnade nichts in der Seele.
Dagegen spricht, dass Licht etwas in dem Erleuchteten setzt. Die Gnade aber ist ein Licht der Seele; daher sagt Augustinus (De Natura et Gratia xxii): „Das Licht der Wahrheit verlässt zu Recht den Übertreter des Gesetzes, und jene, die so verlassen wurden, werden blind.“ Also setzt die Gnade etwas in der Seele.
Ich antworte darauf, dass nach dem allgemeinen Sprachgebrauch Gnade gewöhnlich auf dreifache Weise verstanden wird. Erstens für jemandes Liebe, so wie wir zu sagen pflegen, der Soldat stehe in der Gnade [Gunst] des Königs, d. h. der König blicke mit Wohlwollen auf ihn. Zweitens wird sie für jede unentgeltlich verliehene Gabe genommen, so wie wir zu sagen pflegen: Ich erweise dir diesen Gnadenakt. Drittens wird sie für die Vergeltung einer „gratis“ gegebenen Gabe genommen, insofern wir für Wohltaten „dankbar“ [grati] genannt werden. Von diesen dreien hängt das zweite vom ersten ab, da jemand einem anderen etwas „gratis“ verleiht aus der Liebe, mit der er ihn in seine „Gnade“ aufnimmt. Und aus dem zweiten geht das dritte hervor, da aus „gratis“ verliehenen Wohltaten die „Dankbarkeit“ [gratitudo] erwächst.
Was nun die letzten beiden betrifft, so ist klar, dass Gnade etwas in demjenigen setzt, der die Gnade empfängt: erstens die gratis gegebene Gabe; zweitens die Anerkennung der Gabe. Was aber das erste betrifft, so muss ein Unterschied zwischen der Gnade Gottes und der Gnade des Menschen beachtet werden; denn da das Gut des Geschöpfes aus dem göttlichen Willen entspringt, fließt ein Gut im Geschöpf aus der Liebe Gottes, durch die Er das Gut des Geschöpfes will. Andererseits wird der Wille des Menschen durch das in den Dingen bereits existierende Gute bewegt; und daher verursacht die Liebe des Menschen nicht gänzlich das Gute der Sache, sondern setzt es entweder teilweise oder ganz voraus. Daher ist klar, dass jeder Liebe Gottes zu irgendeiner Zeit ein im Geschöpf verursachtes Gut folgt, das jedoch nicht ko-ewig mit der ewigen Liebe ist. Und gemäß diesem Unterschied des Guten wird die Liebe Gottes zum Geschöpf unterschiedlich betrachtet. Denn die eine ist allgemein, durch die Er „alles liebt, was ist“ (Weish 11,25), und dadurch den Dingen ihr natürliches Sein gibt. Die zweite aber ist eine besondere Liebe, durch die Er das vernunftbegabte Geschöpf über die Bedingung seiner Natur hinaus zu einer Teilhabe am göttlichen Gut zieht; und gemäß dieser Liebe sagt man, dass Er jemanden schlechthin liebt, da Gott durch diese Liebe dem Geschöpf schlechthin das ewige Gut, das Er selbst ist, wünscht.
Wenn also gesagt wird, ein Mensch habe die Gnade Gottes, so wird damit etwas bezeichnet, das dem Menschen von Gott verliehen wurde. Dennoch bezeichnet die Gnade Gottes manchmal die ewige Liebe Gottes, so wie wir von der Gnade der Vorherbestimmung sprechen, insofern Gott einige unentgeltlich und nicht aufgrund von Verdiensten vorherbestimmt oder erwählt; denn es steht geschrieben (Eph 1,5): „Er hat uns vorherbestimmt zur Kindschaft ... zum Lob der Herrlichkeit seiner Gnade.“
Antwort auf Einwand 1: Selbst wenn gesagt wird, ein Mensch stehe in der Gunst eines anderen, so wird darunter verstanden, dass etwas in ihm ist, das dem anderen gefällt; ebenso wie jemand gesagt wird, Gottes Gnade zu haben – mit diesem Unterschied, dass das, was einem Menschen an einem anderen gefällt, seiner Liebe vorausgesetzt ist, aber alles, was Gott an einem Menschen gefällt, durch die göttliche Liebe verursacht ist, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Gott ist das Leben der Seele nach Art einer Wirkursache; die Seele aber ist das Leben des Leibes nach Art einer Formursache. Nun gibt es kein Mittelglied zwischen Form und Materie, da die Form von sich aus die Materie oder das Subjekt „informiert“ [formt]; das Agens hingegen „informiert“ das Subjekt nicht durch seine Substanz, sondern durch die Form, die es in der Materie verursacht.
Antwort auf Einwand 3: Augustinus sagt (Retract. i, 25): „Wenn ich sagte, dass die Gnade zur Vergebung der Sünden und der Friede zu unserer Versöhnung mit Gott sei, so dürft ihr das nicht so verstehen, als ob Friede und Versöhnung nicht zum allgemeinen Frieden gehörten, sondern dass der besondere Name der Gnade die Vergebung der Sünden bezeichnet.“ Nicht nur die Gnade also, sondern viele andere Gaben Gottes gehören zur Gnade. Und daher geschieht die Vergebung der Sünden nicht ohne eine göttlich in uns verursachte Wirkung, wie später deutlich werden wird (Quaestio [113], Artikel [2]).