I-II, q. 110 a. 3
Ob die Gnade dasselbe ist wie die Tugend?
Quaestio 110 · Von der Gnade Gottes hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade dasselbe ist wie die Tugend. Denn Augustinus sagt (De Spir. et Lit. xiv), dass „die wirkende Gnade der Glaube ist, der durch die Liebe wirkt“. Aber der Glaube, der durch die Liebe wirkt, ist eine Tugend. Also ist die Gnade eine Tugend.
Einwand 2: Ferner: Was auf die Definition passt, passt auf das Definierte. Aber die Definitionen der Tugend, die von Heiligen und Philosophen gegeben werden, passen auf die Gnade, da „sie ihr Subjekt gut macht und dessen Werk gut macht“ und „sie eine gute Qualität des Geistes ist, durch die wir rechtschaffen leben“ usw. Also ist Gnade Tugend.
Einwand 3: Ferner ist die Gnade eine Qualität. Nun ist sie offensichtlich nicht in der „vierten“ Art der Qualität, nämlich „Form“, welche die „bleibende Gestalt der Dinge“ ist, da sie nicht zu den Körpern gehört. Noch ist sie in der „dritten“, da sie keine „Leidenschaft noch eine leidenschaftsartige Qualität“ ist, die im sensitiven Teil der Seele ist, wie in Physik viii bewiesen wird; und die Gnade ist vornehmlich im Geist. Noch ist sie in der „zweiten“ Art, welche „natürliche Kraft“ oder „Unvermögen“ ist; da die Gnade über der Natur ist und nicht auf Gut und Böse blickt, wie es die natürliche Kraft tut. Daher muss sie in der „ersten“ Art sein, welche „Habitus“ oder „Disposition“ ist. Nun sind Habitus des Geistes Tugenden; da sogar das Wissen selbst gewissermaßen eine Tugend ist, wie oben gesagt wurde (Quaestio [57], Artikel [1], 2). Also ist die Gnade dasselbe wie die Tugend.
Dagegen spricht: Wenn die Gnade eine Tugend ist, so scheint sie vor allem eine der drei theologischen Tugenden zu sein. Aber die Gnade ist weder Glaube noch Hoffnung, denn diese können ohne die heiligmachende Gnade sein. Noch ist sie die Liebe [Caritas], da „die Gnade der Liebe vorausgeht“, wie Augustinus in seinem Buch über die Vorherbestimmung der Heiligen sagt (De Dono Persev. xvi). Also ist die Gnade keine Tugend.
Ich antworte darauf, Einige vertraten die Meinung, dass Gnade und Tugend dem Wesen nach identisch seien und sich nur logisch unterschieden – in dem Sinne, dass wir von Gnade sprechen, insofern sie den Menschen Gott wohlgefällig macht oder unentgeltlich gegeben wird – und von Tugend, insofern sie uns befähigt, recht zu handeln. Und der Magister scheint dies gedacht zu haben (Sent. ii, D 27).
Aber wenn jemand die Natur der Tugend richtig betrachtet, kann dies nicht Bestand haben, da, wie der Philosoph sagt (Physik vii, text. 17), „Tugend die Disposition dessen ist, was vollkommen ist – und ich nenne vollkommen, was gemäß seiner Natur disponiert ist“. Nun ist hieraus klar, dass die Tugend eines Dinges Bezug auf eine präexistierende Natur hat, aufgrund der Tatsache, dass alles in Bezug auf das disponiert ist, was seiner Natur ziemt. Es ist aber offenkundig, dass die durch menschliche Akte erworbenen Tugenden, von denen wir oben sprachen (Quaestio [55], ff.), Dispositionen sind, durch die ein Mensch passend disponiert wird in Bezug auf die Natur, durch die er ein Mensch ist; wohingegen die eingegossenen Tugenden den Menschen auf eine höhere Weise und auf ein höheres Ziel hin disponieren, und folglich in Beziehung auf eine höhere Natur, d. h. in Beziehung auf eine Teilhabe an der göttlichen Natur, gemäß 2 Petr 1,4: „Er hat uns die größten und kostbarsten Verheißungen geschenkt, damit ihr durch diese teilhaftig werdet der göttlichen Natur.“ Und in Hinsicht auf den Empfang dieser Natur werden wir wiedergeborene Söhne Gottes genannt.
Und so, wie das natürliche Licht der Vernunft etwas anderes ist als die erworbenen Tugenden, die auf dieses natürliche Licht hingeordnet sind, so ist auch das Licht der Gnade, das eine Teilhabe an der göttlichen Natur ist, etwas anderes als die eingegossenen Tugenden, die von diesem Licht abgeleitet und auf es hingeordnet sind; daher sagt der Apostel (Eph 5,8): „Denn ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts.“ Denn wie die erworbenen Tugenden einen Menschen befähigen, in Übereinstimmung mit dem natürlichen Licht der Vernunft zu wandeln, so befähigen die eingegossenen Tugenden einen Menschen, so zu wandeln, wie es dem Licht der Gnade ziemt.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus nennt den „Glauben, der durch die Liebe wirkt“, Gnade, da der Glaubensakt dessen, der durch die Liebe wirkt, der erste Akt ist, durch den die heiligmachende Gnade offenbar wird.
Antwort auf Einwand 2: Das Gute wird in die Definition der Tugend gesetzt in Bezug auf seine Passung zu einer präexistierenden Natur, sei sie essentiell oder partizipiert. Nun wird das Gute der Gnade nicht auf diese Weise zugeschrieben, sondern als der Wurzel der Güte im Menschen, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Die Gnade wird auf die erste Art der Qualität zurückgeführt; und doch ist sie nicht dasselbe wie die Tugend, sondern ist eine gewisse Disposition, die den eingegossenen Tugenden als ihr Prinzip und ihre Wurzel vorausgesetzt ist.