I-II, q. 110 a. 2
Ob die Gnade eine Qualität der Seele ist?
Quaestio 110 · Von der Gnade Gottes hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade keine Qualität der Seele ist. Denn keine Qualität wirkt auf ihr Subjekt ein, da die Handlung einer Qualität nicht ohne die Handlung ihres Subjekts ist, und so würde das Subjekt notwendigerweise auf sich selbst einwirken. Aber die Gnade wirkt auf die Seele ein, indem sie sie rechtfertigt. Also ist die Gnade keine Qualität.
Einwand 2: Ferner ist die Substanz edler als die Qualität. Die Gnade aber ist edler als die Natur der Seele, da wir durch die Gnade viele Dinge tun können, denen die Natur nicht gewachsen ist, wie oben gesagt wurde (Quaestio [109], Artikel [1], 2, 3). Also ist die Gnade keine Qualität.
Einwand 3: Ferner bleibt keine Qualität, nachdem sie aufgehört hat, in ihrem Subjekt zu sein. Die Gnade aber bleibt; da sie nicht korrumpiert wird, denn so würde sie ins Nichts zurückgeführt, da sie aus dem Nichts erschaffen wurde; daher wird sie eine „neue Schöpfung“ genannt (Gal 6,15).
Dagegen spricht, was zu Ps 103,15 („Dass er das Angesicht heiter mache mit Öl“) in der Glosse steht: „Gnade ist eine gewisse Schönheit der Seele, welche die göttliche Liebe gewinnt.“ Aber Schönheit der Seele ist eine Qualität, ebenso wie Schönheit des Leibes. Also ist die Gnade eine Qualität.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt (Artikel [1]), wird bei jedem, von dem gesagt wird, er habe Gottes Gnade, eine Wirkung des unentgeltlichen Willens Gottes verstanden. Nun wurde festgestellt (Quaestio [109], Artikel [1]), dass dem Menschen durch Gottes unentgeltlichen Willen auf zwei Arten geholfen wird: Erstens, insofern die Seele des Menschen von Gott bewegt wird, etwas zu erkennen oder zu wollen oder zu tun, und auf diese Weise ist die unentgeltliche Wirkung im Menschen keine Qualität, sondern eine Bewegung der Seele; denn „Bewegung ist der Akt des Bewegers im Bewegten“. Zweitens wird dem Menschen durch Gottes unentgeltlichen Willen geholfen, insofern eine habituelle Gabe von Gott in die Seele eingegossen wird; und dies aus dem Grund, dass es sich nicht geziemt, dass Gott für jene, die Er liebt, damit sie übernatürliches Gut erlangen, weniger sorgt als für die Geschöpfe, die Er liebt, damit sie natürliches Gut erlangen. Nun sorgt Er für die natürlichen Geschöpfe so, dass Er sie nicht bloß zu ihren natürlichen Akten bewegt, sondern ihnen gewisse Formen und Kräfte verleiht, die Prinzipien der Akte sind, damit sie von sich aus zu diesen Bewegungen geneigt seien, und so die Bewegungen, durch die sie von Gott bewegt werden, den Geschöpfen natürlich und leicht werden, gemäß Weish 8,1: „Sie ... ordnet alles lieblich.“ Viel mehr also gießt Er jenen, die Er zur Erlangung des übernatürlichen Gutes bewegt, gewisse Formen oder übernatürliche Qualitäten ein, durch die sie von Ihm lieblich und prompt bewegt werden mögen, das ewige Gut zu erlangen; und so ist die Gabe der Gnade eine Qualität.
Antwort auf Einwand 1: Von der Gnade als Qualität wird gesagt, dass sie auf die Seele einwirkt, nicht nach Art einer Wirkursache, sondern nach Art einer Formursache, wie die Weiße ein Ding weiß macht und die Gerechtigkeit gerecht.
Antwort auf Einwand 2: Jede Substanz ist entweder die Natur des Dinges, dessen Substanz sie ist, oder ein Teil der Natur, so wie Materie und Form Substanz genannt werden. Und weil die Gnade über der menschlichen Natur steht, kann sie keine Substanz oder substantielle Form sein, sondern ist eine akzidentelle Form der Seele. Was nun substantiell in Gott ist, wird im an der göttlichen Güte teilhabenden Seele akzidentell, wie im Fall der Erkenntnis klar ist. Und da die Seele unvollkommen an der göttlichen Güte teilhat, hat die Teilhabe an der göttlichen Güte, welche die Gnade ist, ihr Sein in der Seele auf weniger vollkommene Weise, als die Seele in sich selbst subsistiert. Dennoch ist sie, insofern sie Ausdruck oder Teilhabe der göttlichen Güte ist, edler als die Natur der Seele, wenngleich nicht in ihrer Seinsweise.
Antwort auf Einwand 3: Wie Boethius sagt, ist das „Sein eines Akzidens das Inhärieren“. Daher wird kein Akzidens Seiendes genannt, als ob es Sein hätte, sondern weil durch es etwas ist; daher wird gesagt, dass es eher einem Seienden zugehört, als ein Seiendes zu sein (Metaph. vii, text. 2). Und weil Werden und Vergehen dem zukommen, was ist, so entsteht oder vergeht eigentlich kein Akzidens, sondern es wird gesagt, dass es entsteht und vergeht, insofern sein Subjekt beginnt oder aufhört, mit diesem Akzidens in Akt zu sein. Und so wird gesagt, dass die Gnade erschaffen wird, insofern Menschen in Bezug auf sie erschaffen werden, d. h. ein neues Sein aus dem Nichts erhalten, d. h. nicht aus Verdiensten, gemäß Eph 2,10: „Erschaffen in Jesus Christus in guten Werken.“