I-II, q. 11 a. 3
Ob sich der Genuss nur auf das letzte Ziel bezieht?
Quaestio 11 · Vom Genuss, der ein Akt des Willens ist
Einwand 1: Es scheint, dass der Genuss nicht nur vom letzten Ziel ist. Denn der Apostel sagt (Philem. 20): „Ja, Bruder, lass mich dich genießen im Herrn.“ Es ist aber offensichtlich, dass Paulus sein letztes Ziel nicht in einen Menschen gesetzt hatte. Also ist das Genießen nicht nur vom letzten Ziel.
Einwand 2: Ferner ist das, was wir genießen, die Frucht. Der Apostel aber sagt (Gal. 5,22): „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede“ und andere derartige Dinge, die nicht in der Natur des letzten Ziels sind. Also ist der Genuss nicht nur vom letzten Ziel.
Einwand 3: Ferner reflektieren die Akte des Willens aufeinander; denn ich will wollen, und ich liebe zu lieben. Aber zu genießen ist ein Akt des Willens: da „es der Wille ist, mit dem wir genießen“, wie Augustinus sagt (De Trin. x, 10). Also genießt ein Mensch seinen Genuss. Aber das letzte Ziel des Menschen ist nicht der Genuss, sondern das ungeschaffene Gut allein, welches Gott ist. Also ist der Genuss nicht nur vom letzten Ziel.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. x, 11): „Ein Mensch genießt nicht das, was er um einer anderen Sache willen begehrt.“ Aber das letzte Ziel allein ist das, was der Mensch nicht um einer anderen Sache willen begehrt. Also bezieht sich der Genuss allein auf das letzte Ziel.
Ich antworte darauf, dass, wie oben (Artikel [1]) dargelegt, der Begriff der Frucht zwei Dinge impliziert: erstens, dass sie als Letztes kommen soll; zweitens, dass sie das Begehren mit einer gewissen Süße und Ergötzung beruhigen soll. Nun ist ein Ding entweder schlechthin oder relativ das Letzte; schlechthin, wenn es auf nichts anderes bezogen wird; relativ, wenn es das Letzte in einer bestimmten Reihe ist. Daher wird das, was schlechthin das Letzte ist und woran man sich wie am letzten Ziel ergötzt, eigentlich Frucht genannt; und dies ist es, was man eigentlich zu genießen gesagt wird. Aber das, was nicht an sich ergötzlich ist, sondern nur begehrt wird, insofern es auf etwas anderes bezogen ist, z.B. ein bitterer Trank um der Gesundheit willen, kann keineswegs Frucht genannt werden. Und das, was etwas Ergötzliches an sich hat, worauf eine Anzahl vorangehender Dinge bezogen sind, mag zwar in gewisser Weise Frucht genannt werden; aber wir können nicht sagen, dass wir es eigentlich genießen oder als ob es dem Begriff der Frucht vollkommen entspräche. Daher sagt Augustinus (De Trin. x, 10), dass „wir genießen, was wir erkennen, wenn der ergötzte Wille darin ruht.“ Aber seine Ruhe ist nicht absolut, außer im Besitz des letzten Ziels: denn solange noch etwas erwartet wird, bleibt die Bewegung des Willens in der Schwebe, obwohl sie etwas erreicht hat. So ist bei der örtlichen Bewegung, obwohl jeder Punkt zwischen den zwei Termini ein Anfang und ein Ende ist, dieser doch nicht als ein eigentliches Ende betrachtet, außer wenn die Bewegung dort anhält.
Antwort auf Einwand 1: Wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. i, 33), „wenn er gesagt hätte: ‚Lass mich dich genießen‘, ohne hinzuzufügen ‚im Herrn‘, so schiene er das Ziel seiner Liebe in ihn gesetzt zu haben. Da er aber hinzufügte, dass er sein Ziel in den Herrn setzte, deutete er sein Verlangen an, Ihn zu genießen“: als ob wir sagen würden, dass er seinen Genuss an seinem Bruder nicht als Endpunkt, sondern als Mittel ausdrückte.
Antwort auf Einwand 2: Die Frucht steht in einer Beziehung zum Baum, der sie trug, und in einer anderen zum Menschen, der sie genießt. Zum Baum nämlich, der sie trug, verhält sie sich wie die Wirkung zur Ursache; zu dem, der sie genießt, als das finale Objekt seines Sehnens und die Vollendung seiner Ergötzung. Dementsprechend werden diese vom Apostel erwähnten Früchte so genannt, weil sie gewisse Wirkungen des Heiligen Geistes in uns sind, weshalb sie „Früchte des Geistes“ genannt werden: aber nicht so, als ob wir sie als unser letztes Ziel genießen sollten. Oder wir können mit Ambrosius sagen, dass sie Früchte genannt werden, weil „wir sie um ihrer selbst willen begehren sollten“: freilich nicht so, als ob sie nicht auf das letzte Ziel hingeordnet wären; sondern weil sie so beschaffen sind, dass wir an ihnen Gefallen finden sollen.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Quaestio [1], Artikel [8]; Quaestio [2], Artikel [7]), sprechen wir von einem Ziel in zweifachem Sinne: erstens als das Ding selbst; zweitens als dessen Erlangung. Dies sind natürlich nicht zwei Ziele, sondern ein Ziel, betrachtet an sich selbst und in seiner Beziehung zu etwas anderem. Dementsprechend ist Gott das letzte Ziel als das, was letztlich gesucht wird: während der Genuss gleichsam die Erlangung dieses letzten Ziels ist. Und so, wie Gott nicht ein Ziel ist und der Genuss Gottes ein anderes: so ist es derselbe Genuss, durch den wir Gott genießen und durch den wir unseren Genuss Gottes genießen. Und dasselbe gilt für die geschaffene Glückseligkeit, die im Genuss besteht.