I-II, q. 10 a. 4
Ob der Wille von dem äußeren Beweger, der Gott ist, mit Notwendigkeit bewegt wird?
Quaestio 10 · Von der Art, wie der Wille bewegt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille von Gott mit Notwendigkeit bewegt wird. Denn jedes Agens, dem nicht widerstanden werden kann, bewegt mit Notwendigkeit. Aber Gott kann nicht widerstanden werden, weil Seine Macht unendlich ist; weshalb geschrieben steht (Röm 9,19): „Wer widersteht Seinem Willen?“ Also bewegt Gott den Willen mit Notwendigkeit.
Einwand 2: Ferner wird der Wille mit Notwendigkeit zu allem bewegt, was er natürlich will, wie oben gesagt wurde (Artikel [2], ad 3). Aber „was immer Gott in einem Ding wirkt, ist ihm natürlich“, wie Augustinus sagt (Contra Faust. xxvi, 3). Also will der Wille mit Notwendigkeit alles, wozu Gott ihn bewegt.
Einwand 3: Ferner ist ein Ding möglich, wenn nichts Unmögliches aus seiner Annahme folgt. Aber etwas Unmögliches folgt aus der Annahme, dass der Wille das nicht will, wozu Gott ihn bewegt: weil in diesem Fall Gottes Wirken unwirksam wäre. Also ist es nicht möglich, dass der Wille das nicht will, wozu Gott ihn bewegt. Also will er es mit Notwendigkeit.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Sir 15,14): „Gott hat den Menschen am Anfang gemacht und ihn in der Hand seines eigenen Rates gelassen.“ Also bewegt Er den Willen des Menschen nicht mit Notwendigkeit.
Ich antworte darauf, dass es, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv), „zur göttlichen Vorsehung gehört, die Natur der Dinge nicht zu zerstören, sondern zu bewahren.“ Daher bewegt sie alle Dinge in Übereinstimmung mit ihren Bedingungen; so dass aus notwendigen Ursachen durch die göttliche Bewegung Wirkungen mit Notwendigkeit folgen; aber aus kontingenten Ursachen Wirkungen kontingent folgen. Da also der Wille ein aktives Prinzip ist, das nicht auf Eines festgelegt ist, sondern eine indifferente Beziehung zu vielen Dingen hat, bewegt Gott ihn so, dass Er ihn nicht mit Notwendigkeit auf Eines festlegt, sondern seine Bewegung kontingent bleibt und nicht notwendig, außer in jenen Dingen, zu denen er natürlich bewegt wird.
Antwort auf Einwand 1: Der göttliche Wille erstreckt sich nicht nur darauf, dass etwas durch das Ding getan wird, das Er bewegt, sondern auch darauf, dass es auf eine Weise getan wird, die der Natur jenes Dinges angemessen ist. Und daher würde es der göttlichen Bewegung mehr widerstreiten, wenn der Wille mit Notwendigkeit bewegt würde, was seiner Natur nicht angemessen ist; als dass er frei bewegt wird, was seiner Natur zukommt.
Antwort auf Einwand 2: Das ist einem Ding natürlich, was Gott so in ihm wirkt, dass es ihm natürlich sei: denn so kommt einem Ding etwas zu, je nachdem wie Gott wünscht, dass es ihm zukomme. Nun wünscht Er nicht, dass alles, was Er in den Dingen wirkt, ihnen natürlich sei, zum Beispiel, dass die Toten wieder auferstehen. Aber dies wünscht Er, dass es jedem Ding natürlich sei – dass es der göttlichen Macht unterworfen sei.
Antwort auf Einwand 3: Wenn Gott den Willen zu irgendetwas bewegt, ist es mit dieser Annahme unvereinbar, dass der Wille nicht dazu bewegt werde. Aber es ist nicht schlechthin unmöglich. Folglich folgt nicht, dass der Wille von Gott notwendigerweise bewegt wird.