I-II, q. 10 a. 2
Ob der Wille von seinem Gegenstand mit Notwendigkeit bewegt wird?
Quaestio 10 · Von der Art, wie der Wille bewegt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille von seinem Gegenstand mit Notwendigkeit bewegt wird. Denn der Gegenstand des Willens verhält sich zum Willen wie das Bewegende zum Beweglichen, wie in De Anima iii, 10 dargelegt wird. Aber ein Beweger, wenn er hinreichend ist, bewegt das Bewegliche mit Notwendigkeit. Also kann der Wille von seinem Gegenstand mit Notwendigkeit bewegt werden.
Einwand 2: Ferner, so wie der Wille eine immaterielle Kraft ist, so ist es auch der Intellekt: und beide Kräfte sind auf einen universalen Gegenstand hingeordnet, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], ad 3). Aber der Intellekt wird von seinem Gegenstand mit Notwendigkeit bewegt: also auch der Wille von seinem Gegenstand.
Einwand 3: Ferner ist alles, was man will, entweder das Ziel oder etwas, das auf ein Ziel hingeordnet ist. Aber anscheinend will man ein Ziel notwendigerweise: weil es wie das Prinzip in spekulativen Dingen ist, welchem Prinzip man mit Notwendigkeit zustimmt. Nun ist das Ziel der Grund für das Wollen der Mittel; und so scheint es, dass wir auch die Mittel notwendigerweise wollen. Also wird der Wille von seinem Gegenstand mit Notwendigkeit bewegt.
Dagegen spricht, dass die rationalen Kräfte gemäß dem Philosophen (Metaph. ix, 2) auf Entgegengesetztes gerichtet sind. Aber der Wille ist eine rationale Kraft, da er in der Vernunft ist, wie in De Anima iii, 9 dargelegt wird. Also ist der Wille auf Entgegengesetztes gerichtet. Also wird er nicht mit Notwendigkeit zu einem der Gegensätze bewegt.
Ich antworte darauf, dass der Wille auf zwei Arten bewegt wird: erstens hinsichtlich der Ausübung seines Aktes; zweitens hinsichtlich der Spezifizierung seines Aktes, die vom Gegenstand herrührt. Hinsichtlich der ersten Art bewegt kein Gegenstand den Willen notwendigerweise, denn egal was der Gegenstand sei, es steht in der Macht des Menschen, nicht an ihn zu denken und ihn folglich nicht aktuell zu wollen. Aber hinsichtlich der zweiten Art der Bewegung wird der Wille von einem Gegenstand notwendigerweise bewegt, von einem anderen nicht. Denn bei der Bewegung einer Kraft durch ihren Gegenstand müssen wir betrachten, unter welchem Aspekt der Gegenstand die Kraft bewegt. Denn das Sichtbare bewegt das Sehen unter dem Aspekt der aktuell sichtbaren Farbe. Wenn daher dem Sehen Farbe dargeboten wird, bewegt sie das Sehen notwendigerweise: es sei denn, man wendet die Augen ab; was zur Ausübung des Aktes gehört. Aber wenn das Sehen mit etwas konfrontiert würde, das nicht in jeder Hinsicht aktuell farbig ist, sondern nur in gewisser Hinsicht, und in anderer Hinsicht nicht, würde das Sehen einen solchen Gegenstand nicht mit Notwendigkeit sehen: denn es könnte auf jenen Teil des Gegenstandes schauen, der nicht aktuell farbig ist, und so würde es ihn nicht sehen. Nun ist so, wie das aktuell Farbige der Gegenstand des Sehens ist, das Gute der Gegenstand des Willens. Wenn daher dem Willen ein Gegenstand dargeboten wird, der universell und unter jedem Gesichtspunkt gut ist, tendiert der Wille mit Notwendigkeit zu ihm, wenn er überhaupt etwas will; da er das Gegenteil nicht wollen kann. Wenn andererseits dem Willen ein Gegenstand dargeboten wird, der nicht unter jedem Gesichtspunkt gut ist, wird er nicht mit Notwendigkeit zu ihm tendieren. Und da der Mangel an irgendeinem Gut ein Nicht-Gut ist, ist folglich jenes Gut allein, das vollkommen ist und dem nichts fehlt, ein solches Gut, dass der Wille es nicht nicht-wollen kann: und dies ist die Glückseligkeit. Jedwede anderen besonderen Güter hingegen können, insofern ihnen irgendein Gut fehlt, als Nicht-Güter betrachtet werden: und unter diesem Gesichtspunkt können sie vom Willen beiseitegelassen oder gebilligt werden, der zu ein und demselben Ding unter verschiedenen Gesichtspunkten tendieren kann.
Antwort auf Einwand 1: Der hinreichende Beweger einer Kraft ist kein anderer als jener Gegenstand, der in jeder Hinsicht den Aspekt des Bewegers jener Kraft darbietet. Wenn ihm andererseits in irgendeiner Hinsicht etwas fehlt, wird er nicht mit Notwendigkeit bewegen, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Der Intellekt wird mit Notwendigkeit von einem Gegenstand bewegt, der so beschaffen ist, dass er immer und notwendigerweise wahr ist: aber nicht von dem, was entweder wahr oder falsch sein kann – nämlich von dem, was kontingent ist: wie wir es vom Guten gesagt haben.
Antwort auf Einwand 3: Das letzte Ziel bewegt den Willen notwendigerweise, weil es das vollkommene Gut ist. In gleicher Weise alles, was auf jenes Ziel hingeordnet ist und ohne das das Ziel nicht erreicht werden kann, wie „zu sein“ und „zu leben“ und dergleichen. Aber andere Dinge, ohne die das Ziel erreicht werden kann, werden von dem, der das Ziel will, nicht notwendigerweise gewollt: so wie derjenige, der dem Prinzip zustimmt, nicht notwendigerweise den Schlussfolgerungen zustimmt, ohne die die Prinzipien dennoch wahr sein können.