I-II, q. 10 a. 3
Ob der Wille vom niederen Begehren mit Notwendigkeit bewegt wird?
Quaestio 10 · Von der Art, wie der Wille bewegt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille mit Notwendigkeit von einer Leidenschaft des niederen Begehrens bewegt wird. Denn der Apostel sagt (Röm 7,19): „Das Gute, das ich will, tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“: und dies wird aufgrund der Begierde gesagt, welche eine Leidenschaft ist. Also wird der Wille mit Notwendigkeit von einer Leidenschaft bewegt.
Einwand 2: Ferner, wie in Ethic. iii, 5 dargelegt wird: „Je nachdem wie ein Mensch beschaffen ist, so erscheint ihm das Ziel.“ Aber es steht nicht in der Macht des Menschen, eine Leidenschaft sofort abzuwerfen. Also steht es nicht in der Macht des Menschen, das nicht zu wollen, wozu die Leidenschaft ihn hinneigt.
Einwand 3: Ferner wird eine universale Ursache nicht auf eine partikulare Wirkung angewandt, außer mittels einer partikularen Ursache: weshalb die universale Vernunft nicht bewegt, außer mittels einer partikularen Einschätzung, wie in De Anima iii, 11 dargelegt wird. Aber wie sich die universale Vernunft zur partikularen Einschätzung verhält, so verhält sich der Wille zum sinnlichen Begehren. Also wird der Wille nicht bewegt, etwas Partikulares zu wollen, außer durch das sinnliche Begehren. Wenn daher das sinnliche Begehren aufgrund einer Leidenschaft zu etwas disponiert ist, kann der Wille nicht in einem gegenteiligen Sinne bewegt werden.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Gen 4,7): „Deine Begierde [Vulg. ‚Die Begierde danach‘] soll unter dir sein, und du sollst über sie herrschen.“ Also wird der Wille des Menschen nicht mit Notwendigkeit vom niederen Begehren bewegt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt wurde (Frage [9], Artikel [2]), die Leidenschaft des sinnlichen Begehrens den Willen insofern bewegt, als der Wille von seinem Gegenstand bewegt wird: insofern nämlich der Mensch, dadurch dass er durch eine Leidenschaft auf diese oder jene Weise disponiert ist, etwas als passend und gut beurteilt, was er ohne die Leidenschaft nicht so beurteilen würde. Nun geschieht dieser Einfluss einer Leidenschaft auf den Menschen auf zwei Arten. Erstens so, dass seine Vernunft gänzlich gebunden ist, so dass er nicht den Gebrauch der Vernunft hat: wie es bei denen geschieht, die durch einen heftigen Anfall von Zorn oder Begierde rasend oder wahnsinnig werden, so wie sie es durch irgendeine andere körperliche Störung werden können; da derartige Leidenschaften nicht ohne irgendeine Veränderung im Körper stattfinden. Und von solchen gilt dasselbe wie von unvernünftigen Tieren, die mit Notwendigkeit dem Impuls ihrer Leidenschaften folgen: denn in ihnen gibt es weder eine Bewegung der Vernunft noch folglich des Willens.
Manchmal jedoch wird die Vernunft nicht gänzlich von der Leidenschaft vereinnahmt, so dass das Urteil der Vernunft bis zu einem gewissen Grad seine Freiheit behält: und so verbleibt die Bewegung des Willens in einem gewissen Grad. Dementsprechend tendiert die Bewegung des Willens, die ebenfalls verbleibt, insofern die Vernunft frei bleibt und nicht der Leidenschaft unterworfen ist, nicht mit Notwendigkeit zu dem, wozu die Leidenschaft sie hinneigt. Folglich gibt es entweder keine Bewegung des Willens in jenem Menschen, und die Leidenschaft allein hält ihre Herrschaft: oder wenn es eine Bewegung des Willens gibt, folgt sie nicht notwendigerweise der Leidenschaft.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl der Wille nicht verhindern kann, dass die Bewegung der Begierde entsteht, wovon der Apostel sagt: „Das Böse, das ich nicht will, das tue ich – d.h. ich begehre“; so steht es doch in der Macht des Willens, nicht zu wollen zu begehren oder der Begierde nicht zuzustimmen. Und so folgt er nicht notwendigerweise der Bewegung der Begierde.
Antwort auf Einwand 2: Da im Menschen eine zweifache Natur ist, eine intellektuelle und eine sinnliche, ist der Mensch manchmal hinsichtlich seiner ganzen Seele einheitlich so und so beschaffen: entweder weil der sinnliche Teil gänzlich dieser Vernunft unterworfen ist, wie bei den Tugendhaften; oder weil die Vernunft gänzlich von der Leidenschaft vereinnahmt ist, wie bei einem Wahnsinnigen. Aber manchmal, obwohl die Vernunft durch Leidenschaft getrübt ist, bleibt doch etwas von dieser Vernunft frei. Und in Bezug darauf kann der Mensch entweder die Leidenschaft gänzlich zurückweisen oder sich zumindest im Zaum halten, um nicht von der Leidenschaft fortgerissen zu werden. Denn wenn er so disponiert ist, erscheint ihm, da der Mensch gemäß den verschiedenen Teilen der Seele verschieden disponiert ist, eine Sache gemäß seiner Vernunft anders, als sie es gemäß einer Leidenschaft tut.
Antwort auf Einwand 3: Der Wille wird nicht nur durch das von der Vernunft erkannte universale Gute bewegt, sondern auch durch das vom Sinn erkannte Gute. Daher kann er zu irgendeinem partikularen Gut unabhängig von einer Leidenschaft des sinnlichen Begehrens bewegt werden. Denn wir wollen und tun viele Dinge ohne Leidenschaft und allein durch Wahl; wie es in jenen Fällen am offensichtlichsten ist, in denen die Vernunft der Leidenschaft widersteht.