I-II, q. 10 a. 1
Ob der Wille zu irgendetwas auf natürliche Weise bewegt wird?
Quaestio 10 · Von der Art, wie der Wille bewegt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass der Wille zu nichts auf natürliche Weise bewegt wird. Denn das natürlich Wirkende wird vom willentlich Wirkenden unterschieden, wie zu Beginn von Phys. ii, 1 dargelegt wird. Also wird der Wille zu nichts auf natürliche Weise bewegt.
Einwand 2: Ferner ist das, was natürlich ist, immer in einem Ding: wie das „Heißsein“ im Feuer ist. Aber keine Bewegung ist immer im Willen. Also ist dem Willen keine Bewegung natürlich.
Einwand 3: Ferner ist die Natur auf Eines festgelegt: der Wille hingegen bezieht sich auf Entgegengesetztes. Also will der Wille nichts auf natürliche Weise.
Dagegen spricht, dass die Bewegung des Willens der Bewegung des Intellekts folgt. Der Intellekt aber versteht einige Dinge auf natürliche Weise. Also will auch der Wille einige Dinge auf natürliche Weise.
Ich antworte darauf, dass, wie Boethius (De Duabus Nat.) und auch der Philosoph (Metaph. v, 4) sagen, das Wort „Natur“ in vielfältigem Sinne gebraucht wird. Denn manchmal steht es für das innere Prinzip in beweglichen Dingen. In diesem Sinne ist Natur entweder die Materie oder die materielle Form, wie in Phys. ii, 1 dargelegt. In einem anderen Sinne steht Natur für jedwede Substanz oder sogar für jedwedes Seiendes. Und in diesem Sinne wird das als einem Ding natürlich bezeichnet, was ihm hinsichtlich seiner Substanz zukommt. Und dies ist das, was an sich in einem Ding ist. Nun werden alle Dinge, die nicht an sich zu dem Ding gehören, in dem sie sind, auf etwas zurückgeführt, das diesem Ding an sich zukommt, als auf ihr Prinzip. Wenn man also Natur in diesem Sinne nimmt, ist es notwendig, dass das Prinzip von allem, was zu einem Ding gehört, ein natürliches Prinzip ist. Dies ist offensichtlich in Bezug auf den Intellekt: denn die Prinzipien der intellektuellen Erkenntnis sind von Natur aus bekannt. In gleicher Weise muss das Prinzip der willentlichen Bewegungen etwas sein, das auf natürliche Weise gewollt wird.
Dies nun ist das Gute im Allgemeinen, worauf der Wille von Natur aus hinzielt, wie jede Kraft auf ihren Gegenstand; und ferner ist es das letzte Ziel, das in derselben Beziehung zu den begehrenswerten Dingen steht wie die ersten Prinzipien der Beweisführung zu den intelligiblen Dingen: und allgemein gesprochen sind es all jene Dinge, die dem Wollenden gemäß seiner Natur zukommen. Denn der Wille begehrt nicht nur Dinge, die den Willen betreffen, sondern auch das, was jede einzelne Kraft und den ganzen Menschen betrifft. Daher will der Mensch von Natur aus nicht nur den Gegenstand des Willens, sondern auch andere Dinge, die den anderen Kräften angemessen sind; wie die Erkenntnis der Wahrheit, die dem Intellekt zukommt; und zu sein und zu leben und andere derartige Dinge, die das natürliche Wohlsein betreffen; all dies ist im Gegenstand des Willens eingeschlossen, gleichsam als viele einzelne Güter.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille wird von der Natur unterschieden wie eine Art von Ursache von einer anderen; denn einiges geschieht natürlich und einiges wird willentlich getan. Es gibt jedoch eine andere Weise des Verursachens, die dem Willen eigen ist, der Herr seines Aktes ist, neben der Weise, die der Natur eigen ist, welche auf Eines festgelegt ist. Da aber der Wille auf einer Natur gründet, ist es notwendig, dass die der Natur eigene Bewegung in gewissem Maße vom Willen geteilt wird: so wie das, was zu einer vorhergehenden Ursache gehört, von einer nachfolgenden Ursache geteilt wird. Denn in jedem Ding geht das Sein selbst, das von der Natur ist, dem Wollen voraus, das vom Willen ist. Und daher kommt es, dass der Wille etwas auf natürliche Weise will.
Antwort auf Einwand 2: Bei den natürlichen Dingen ist das, was natürlich ist, als Folge der Form allein, immer aktuell in ihnen, wie die Hitze im Feuer ist. Aber das, was natürlich ist als Folge der Materie, ist nicht immer aktuell in ihnen, sondern manchmal nur in Potenz: weil die Form Akt ist, die Materie hingegen Potenz. Nun ist Bewegung „der Akt dessen, was in Potenz ist“ (Aristoteles, Phys. iii, 1). Daher ist das, was zur Bewegung gehört oder aus ihr folgt, in Bezug auf natürliche Dinge nicht immer in ihnen. So bewegt sich das Feuer nicht immer nach oben, sondern nur, wenn es außerhalb seines eigenen Ortes ist. Und in gleicher Weise ist es nicht notwendig, dass der Wille (der von der Potenz in den Akt übergeführt wird, wenn er etwas will) immer im Akt des Wollens sei; sondern nur, wenn er in einer bestimmten Disposition ist. Aber Gottes Wille, der reiner Akt ist, ist immer im Akt des Wollens.
Antwort auf Einwand 3: Jeder Natur entspricht eine Sache, die jedoch dieser Natur proportional ist. Denn der Natur, als Gattung betrachtet, entspricht etwas, das der Gattung nach eins ist; und der Natur als Art entspricht etwas, das der Art nach eins ist; und der vereinzelten Natur entspricht irgendein Individuum. Da also der Wille eine immaterielle Kraft ist wie der Intellekt, entspricht ihm auf natürliche Weise eine allgemeine Sache, welche das Gute ist; so wie dem Intellekt eine allgemeine Sache entspricht, welche das Wahre ist, oder das Seiende, oder „was ein Ding ist“. Und unter dem Guten im Allgemeinen sind viele besondere Güter eingeschlossen, auf keines von denen der Wille festgelegt ist.