I, q. 97 a. 3
Ob der Mensch im Stand der Unschuld der Nahrung bedurfte?
Quaestio 97 · Von der Erhaltung des Individuums im Urstand
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch im Stand der Unschuld keiner Nahrung bedurfte. Denn Nahrung ist notwendig für den Menschen, um das wiederherzustellen, was er verloren hat. Adams Körper erlitt aber keinen Verlust, da er unvergänglich war. Also bedurfte er keiner Nahrung.
Einwand 2: Ferner wird Nahrung zur Ernährung benötigt. Ernährung aber impliziert Leidensfähigkeit. Da also der Körper des Menschen leidensunfähig war, scheint es nicht, dass Nahrung für ihn notwendig sein konnte.
Einwand 3: Ferner benötigen wir Nahrung zur Erhaltung des Lebens. Adam aber konnte sein Leben auf andere Weise erhalten; denn hätte er nicht gesündigt, wäre er nicht gestorben. Also bedurfte er keiner Nahrung.
Einwand 4: Ferner beinhaltet der Verzehr von Nahrung die Ausscheidung des Überflüssigen, was für den Stand der Unschuld unpassend erscheint. Daher scheint es, dass der Mensch im ursprünglichen Zustand keine Nahrung zu sich nahm.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Gen 2,16): "Von jedem Baum im Paradies sollst du essen."
Ich antworte darauf, dass der Mensch im Stand der Unschuld ein animalisches Leben hatte, das der Nahrung bedurfte; nach der Auferstehung aber wird er ein geistiges Leben haben, das keiner Nahrung bedarf. Um dies deutlich zu machen, müssen wir beachten, dass die vernunftbegabte Seele sowohl Seele als auch Geist ist. Sie wird Seele genannt aufgrund dessen, was sie mit anderen Seelen gemeinsam hat – das heißt, als dem Körper Leben gebend; weshalb geschrieben steht (Gen 2,7): "Der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele gemacht"; das heißt, zu einer Seele, die dem Körper Leben gibt. Aber die Seele wird Geist genannt gemäß dem, was ihr eigentümlich zukommt und nicht anderen Seelen, nämlich als eine intellektuelle immaterielle Kraft besitzend.
So teilte im ursprünglichen Zustand die vernunftbegabte Seele dem Körper das mit, was ihr als Seele zukam; und so wurde der Körper "animalisch" [d.h. seelisch/beseelt; von anima, Seele; vgl. 1 Kor 15,44 ff.] genannt, da er sein Leben von der Seele hatte. Nun ist das erste Prinzip des Lebens in diesen niederen Geschöpfen, wie der Philosoph sagt (De Anima ii, 4), die vegetative Seele: deren Operationen der Gebrauch von Nahrung, Zeugung und Wachstum sind. Daher ziemten solche Operationen dem Menschen im Stand der Unschuld. Aber im Endzustand, nach der Auferstehung, wird die Seele dem Körper in gewissem Maße mitteilen, was ihr eigentümlich als Geist zukommt; Unsterblichkeit jedem; Leidensunfähigkeit, Herrlichkeit und Kraft den Guten, deren Körper "geistig" genannt werden. So wird der Mensch nach der Auferstehung keiner Nahrung bedürfen; wohingegen er ihrer im Stand der Unschuld bedurfte.
Antwort auf Einwand 1: Wie Augustinus sagt (Quaest. Vet. et Nov. Test. qu. 19): "Wie konnte der Mensch einen unsterblichen Körper haben, der durch Nahrung erhalten wurde? Da ein unsterbliches Wesen weder Speise noch Trank benötigt." Denn wir haben erklärt (Artikel [1]), dass die Unsterblichkeit des ursprünglichen Zustands auf einer übernatürlichen Kraft in der Seele beruhte und nicht auf einer inneren Beschaffenheit des Körpers: so dass durch die Einwirkung von Wärme der Körper einen Teil seiner feuchten Qualitäten verlieren konnte; und um den gänzlichen Verbrauch der Feuchtigkeit zu verhindern, war der Mensch genötigt, Nahrung zu sich zu nehmen.
Antwort auf Einwand 2: Ein gewisses Leiden und eine Veränderung begleiten die Ernährung von Seiten der Nahrung, die in die Substanz des genährten Dinges verwandelt wird. So können wir daraus nicht schließen, dass der Körper des Menschen leidensfähig war, sondern dass die aufgenommene Nahrung leidensfähig war; obwohl diese Art von Leiden zur Vervollkommnung der Natur beitrug.
Antwort auf Einwand 3: Hätte der Mensch keine Nahrung zu sich genommen, hätte er gesündigt; wie er auch sündigte, indem er die verbotene Frucht nahm. Denn es wurde ihm zur gleichen Zeit gesagt, er solle sich vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse enthalten und von jedem anderen Baum des Paradieses essen.
Antwort auf Einwand 4: Manche sagen, dass der Mensch im Stand der Unschuld nicht mehr als die notwendige Nahrung zu sich genommen hätte, so dass es nichts Überflüssiges gegeben hätte; was jedoch unvernünftig anzunehmen ist, da es impliziert, dass es keine fäkalen Stoffe gegeben hätte. Daher war die Ausscheidung des Überflüssigen notwendig, doch von Gott so eingerichtet, dass sie anständig und dem Stand angemessen war.