I, q. 97 a. 2
Ob der Mensch im Stand der Unschuld leidensfähig gewesen wäre?
Quaestio 97 · Von der Erhaltung des Individuums im Urstand
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch im Stand der Unschuld leidensfähig (passibel) war. Denn "Empfindung ist eine Art von Erleiden (passio)". Im Stand der Unschuld wäre der Mensch aber empfindungsfähig gewesen. Also wäre er leidensfähig gewesen.
Einwand 2: Ferner ist Schlaf eine Art von Erleiden. Nun schlief der Mensch im Stand der Unschuld, gemäß Gen 2,21: "Gott ließ einen tiefen Schlaf auf Adam fallen." Also wäre er leidensfähig gewesen.
Einwand 3: Ferner fährt dieselbe Stelle fort zu sagen, dass "Er eine Rippe aus Adam nahm". Also war er leidensfähig, sogar bis zum Grad des Herausschneidens eines Teils seines Körpers.
Einwand 4: Ferner war der Körper des Menschen weich. Ein weicher Körper ist aber von Natur aus leidensfähig gegenüber einem harten Körper; wenn also ein harter Körper mit dem weichen Körper des ersten Menschen in Berührung gekommen wäre, hätte letzterer durch den Aufprall gelitten. Also war der erste Mensch leidensfähig.
Dagegen spricht: Wäre der Mensch leidensfähig gewesen, wäre er auch vergänglich gewesen, weil, wie der Philosoph sagt (Top. vi, 3): "Übermäßiges Leiden zehrt die Substanz selbst auf."
Ich antworte darauf, dass "Leiden" (passio) in zweifachem Sinne verstanden werden kann. Erstens im eigentlichen Sinne, und so sagt man, dass etwas leidet, wenn es von seiner natürlichen Beschaffenheit verändert wird. Denn Leiden ist die Wirkung von Handeln; und in der Natur sind Gegensätze wechselseitig aktiv oder passiv, je nachdem, wie ein Ding ein anderes von seiner natürlichen Beschaffenheit verändert. Zweitens kann "Leiden" im allgemeinen Sinne für jede Art von Veränderung genommen werden, selbst wenn sie zum Vervollkommnungsprozess der Natur gehört. So werden Verstehen und Empfinden als Leiden bezeichnet. In diesem zweiten Sinne war der Mensch im Stand der Unschuld leidensfähig und war sowohl an der Seele als auch am Körper passiv. Im ersten Sinne war der Mensch leidensunfähig (impassibel), sowohl an der Seele als auch am Körper, wie er auch unsterblich war; denn er konnte seine Leidenschaft zügeln, wie er den Tod vermeiden konnte, solange er sich der Sünde enthielt.
So ist klar, wie auf die ersten beiden Einwände zu antworten ist; da Empfindung und Schlaf dem Menschen nicht seine natürliche Beschaffenheit nehmen, sondern auf sein natürliches Wohlgeordnet sind.
Antwort auf Einwand 3: Wie bereits erklärt (Quaestio [92], Artikel [3], ad 2), war die Rippe in Adam als Prinzip des Menschengeschlechts, wie der Samen im Mann, der ein Prinzip durch Zeugung ist. Daher, wie der Mensch durch den Samenerguss keine natürliche Verschlechterung erleidet, so tat er es auch nicht durch die Abtrennung der Rippe.
Antwort auf Einwand 4: Der Körper des Menschen im Stand der Unschuld konnte davor bewahrt werden, durch einen harten Körper Verletzung zu erleiden; teils durch den Gebrauch seiner Vernunft, wodurch er das Schädliche meiden konnte; und teils auch durch die göttliche Vorsehung, die ihn so bewahrte, dass nichts von schädlicher Natur unversehens über ihn kommen konnte.