I, q. 96 a. 3
Ob die Menschen im Stande der Unschuld gleich waren?
Quaestio 96 · Von der Herrschaft, die dem Menschen im Stand der Unschuld zukam.
Einwand 1: Es scheint, dass im Stande der Unschuld alle gleich gewesen wären. Denn Gregor sagt (Moral. xxi): „Wo keine Sünde ist, da ist keine Ungleichheit.“ Aber im Stande der Unschuld gab es keine Sünde. Also waren alle gleich.
Einwand 2: Ferner sind Ähnlichkeit und Gleichheit die Grundlage der gegenseitigen Liebe, gemäß Sirach 13, 19: „Jedes Tier liebt seinesgleichen; so auch jeder Mensch den, der ihm am nächsten steht.“ Nun gab es in jenem Zustand unter den Menschen eine Fülle der Liebe, welche das Band des Friedens ist. Also waren alle im Stande der Unschuld gleich.
Einwand 3: Ferner, wenn die Ursache aufhört, hört auch die Wirkung auf. Aber die Ursache der gegenwärtigen Ungleichheit unter den Menschen scheint seitens Gottes daraus zu entstehen, dass Er einige belohnt und andere bestraft; und seitens der Natur daraus, dass einige durch einen Mangel der Natur schwach und mangelhaft geboren werden, andere stark und vollkommen, was im ursprünglichen Zustand nicht der Fall gewesen wäre. Also usw.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Röm 13, 1): „Die Dinge, die von Gott sind, sind wohlgeordnet“ [Vulgata: „Die aber sind, sind von Gott geordnet“]. Ordnung aber besteht hauptsächlich in Ungleichheit; denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 13): „Die Ordnung weist gleichen und ungleichen Dingen ihren passenden Platz zu.“ Also hätte im ursprünglichen Zustand, der höchst angemessen und geordnet war, Ungleichheit existiert.
Ich antworte darauf, dass wir notwendigerweise zugeben müssen, dass es im ursprünglichen Zustand eine gewisse Ungleichheit gegeben hätte, zumindest was das Geschlecht betrifft, weil die Zeugung von der Verschiedenheit des Geschlechts abhängt: und ebenso was das Alter betrifft; denn einige wären von anderen geboren worden; noch wäre die geschlechtliche Vereinigung unfruchtbar gewesen.
Überdies hätte es in Bezug auf die Seele Ungleichheit hinsichtlich der Gerechtigkeit und des Wissens gegeben. Denn der Mensch wirkte nicht aus Notwendigkeit, sondern aus seinem eigenen freien Willen, kraft dessen der Mensch sich mehr oder weniger dem Handeln, dem Begehren oder dem Wissen widmen kann; daher hätten einige größere Fortschritte in Tugend und Wissen gemacht als andere.
Es hätte auch körperliche Ungleichheit geben können. Denn der menschliche Körper war nicht gänzlich von den Gesetzen der Natur ausgenommen, so dass er nicht von äußeren Quellen mehr oder weniger Vorteil und Hilfe empfangen hätte: da er ja auf Nahrung angewiesen war, um das Leben zu erhalten.
So können wir sagen, dass je nach dem Klima oder der Bewegung der Sterne einige robusteren Körpers geboren worden wären als andere, und auch größer und schöner und in jeder Weise besser veranlagt; so dass jedoch in jenen, die so übertroffen wurden, kein Mangel oder Fehler weder an der Seele noch am Körper gewesen wäre.
Antwort auf Einwand 1: Mit jenen Worten will Gregor solche Ungleichheit ausschließen, wie sie zwischen Tugend und Laster besteht; deren Ergebnis es ist, dass einige anderen zur Strafe unterworfen werden.
Antwort auf Einwand 2: Gleichheit ist die Ursache der Gleichheit in der gegenseitigen Liebe. Doch kann zwischen denen, die ungleich sind, eine größere Liebe bestehen als zwischen Gleichen; obwohl es keine gleiche Erwiderung gibt: denn ein Vater liebt seinen Sohn von Natur aus mehr als ein Bruder seinen Bruder liebt; obwohl der Sohn seinen Vater nicht so sehr liebt, wie er von ihm geliebt wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Ursache der Ungleichheit könnte auf Seiten Gottes liegen; nicht zwar, dass Er einige bestrafen und andere belohnen würde, sondern dass Er einige über andere erheben würde; damit die Schönheit der Ordnung unter den Menschen umso mehr hervorleuchte. Ungleichheit könnte auch auf Seiten der Natur entstehen, wie oben beschrieben, ohne irgendeinen Mangel der Natur.