I, q. 96 a. 1
Ob Adam im Stande der Unschuld Herrschaft über die Tiere hatte?
Quaestio 96 · Von der Herrschaft, die dem Menschen im Stand der Unschuld zukam.
Einwand 1: Es hat den Anschein, dass Adam im Stande der Unschuld keine Herrschaft über die Tiere hatte. Denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. ix, 14), dass die Tiere unter der Führung der Engel zu Adam gebracht wurden, um von ihm ihre Namen zu erhalten. Die Engel aber hätten nicht derart eingreifen müssen, wenn der Mensch selbst Herr über die Tiere gewesen wäre. Also hatte der Mensch im Stande der Unschuld keine Herrschaft über die Tiere.
Einwand 2: Ferner ist es unpassend, dass einander feindliche Elemente unter die Herrschaft eines Einzigen gebracht werden. Viele Tiere aber sind einander feind, wie das Schaf und der Wolf. Also wurden nicht alle Tiere unter die Herrschaft des Menschen gebracht.
Einwand 3: Ferner sagt Hieronymus [eigentlich Beda, Hexaem., zitiert in der Glossa ordinaria zu Gen 1, 26]: „Gott gab dem Menschen die Herrschaft über die Tiere, obwohl er ihrer vor der Sünde nicht bedurfte: denn Gott sah voraus, dass die Tiere dem Menschen nach der Sünde nützlich sein würden.“ Also war es zumindest vor der Sünde unpassend für den Menschen, von seiner Herrschaft Gebrauch zu machen.
Einwand 4: Ferner ist es dem Herrn eigen, zu befehlen. Ein Befehl aber wird zu Recht nur einem vernunftbegabten Wesen gegeben. Also hatte der Mensch keine Herrschaft über die unvernünftigen Tiere.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Gen 1, 26): „Er herrsche über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels und die Tiere der Erde“ [Vulgata: „und die ganze Erde“].
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Frage [95], Artikel [1]), der Mensch für seinen Ungehorsam gegen Gott durch den Ungehorsam jener Geschöpfe bestraft wurde, die ihm untertan sein sollten. Daher war ihm im Stande der Unschuld, bevor der Mensch ungehorsam gewesen war, nichts ungehorsam, was ihm von Natur aus unterworfen ist. Nun sind alle Tiere dem Menschen von Natur aus unterworfen. Dies kann auf dreifache Weise bewiesen werden. Erstens aus der Ordnung, die von der Natur eingehalten wird; denn wie wir beim Werden der Dinge eine gewisse Ordnung des Hervorgehens des Vollkommenen aus dem Unvollkommenen wahrnehmen (so ist die Materie um der Form willen da, und die unvollkommene Form um der vollkommenen willen), so gibt es auch eine Ordnung im Gebrauch der natürlichen Dinge; so sind die unvollkommenen zum Gebrauch der vollkommenen da; wie die Pflanzen die Erde zu ihrer Ernährung nutzen, und die Tiere die Pflanzen nutzen, und der Mensch sowohl Pflanzen als auch Tiere nutzt. Daher entspricht es der Ordnung der Natur, dass der Mensch Herr über die Tiere sei. Deshalb sagt der Philosoph (Polit. i, 5), dass die Jagd auf wilde Tiere gerecht und natürlich ist, weil der Mensch dadurch ein natürliches Recht ausübt. Zweitens wird dies durch die Ordnung der göttlichen Vorsehung bewiesen, welche die niederen Dinge immer durch die höheren regiert. Da also der Mensch, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, über den anderen Tieren steht, sind diese zu Recht seiner Regierung unterworfen. Drittens wird dies aus einer Eigenschaft des Menschen und der anderen Tiere bewiesen. Denn wir sehen in letzteren eine gewisse teilhabende Klugheit des natürlichen Instinkts in Bezug auf gewisse einzelne Handlungen; der Mensch hingegen besitzt eine allgemeine Klugheit in Bezug auf alle praktischen Dinge. Nun ist alles, was nur teilhat, dem unterworfen, was wesentlich und allgemein ist. Daher ist die Unterwerfung der anderen Tiere unter den Menschen als natürlich erwiesen.
Antwort auf Einwand 1: Eine höhere Macht kann vieles an den ihr Unterworfenen tun, was eine niedere Macht nicht tun kann. Nun ist ein Engel von Natur aus höher als der Mensch. Daher konnten gewisse Dinge in Bezug auf die Tiere von Engeln getan werden, die vom Menschen nicht getan werden konnten; zum Beispiel das schnelle Zusammenbringen aller Tiere.
Antwort auf Einwand 2: Nach der Meinung einiger wären jene Tiere, die jetzt wild sind und andere töten, in jenem Zustand zahm gewesen, nicht nur in Bezug auf den Menschen, sondern auch in Bezug auf andere Tiere. Aber das ist ganz unvernünftig. Denn die Natur der Tiere wurde durch die Sünde des Menschen nicht verändert, so als ob jene, deren Natur es jetzt ist, das Fleisch anderer zu fressen, damals von Kräutern gelebt hätten, wie der Löwe und der Falke. Auch sagt Bedas Glosse zu Gen 1, 30 nicht, dass Bäume und Kräuter allen Tieren und Vögeln zur Nahrung gegeben wurden, sondern einigen. So hätte es eine natürliche Antipathie zwischen einigen Tieren gegeben. Sie wären jedoch deswegen nicht von der Herrschaft des Menschen ausgenommen gewesen: wie sie auch gegenwärtig aus diesem Grund nicht von der Herrschaft Gottes ausgenommen sind, dessen Vorsehung all dies angeordnet hat. Dieser Vorsehung wäre der Mensch der Vollstrecker gewesen, wie es sich auch jetzt in Bezug auf Haustiere zeigt, da Vögel von Menschen dem abgerichteten Falken als Futter gegeben werden.
Antwort auf Einwand 3: Im Stande der Unschuld hätte der Mensch kein körperliches Bedürfnis nach Tieren gehabt – weder für Kleidung, da sie damals nackt waren und sich nicht schämten, weil es keine ungeordneten Regungen der Begierde gab – noch für Nahrung, da sie sich von den Bäumen des Paradieses ernährten – noch um ihn fortzubewegen, da sein Körper stark genug für diesen Zweck war. Aber der Mensch bedurfte der Tiere, um erfahrungsmäßige Kenntnis ihrer Naturen zu haben. Dies wird durch die Tatsache bezeichnet, dass Gott die Tiere zum Menschen führte, damit er ihnen Namen gebe, die ihre jeweiligen Naturen ausdrücken.
Antwort auf Einwand 4: Alle Tiere haben durch ihren natürlichen Instinkt eine gewisse Teilhabe an Klugheit und Vernunft: was die Tatsache erklärt, dass Kraniche ihrem Anführer folgen und Bienen ihrer Königin gehorchen. So hätten alle Tiere dem Menschen aus eigenem Antrieb gehorcht, wie im gegenwärtigen Zustand einige Haustiere ihm gehorchen.