I, q. 95 a. 1
Ob der erste Mensch in der Gnade erschaffen wurde?
Quaestio 95 · Von dem, was zum Willen des ersten Menschen gehört, nämlich Gnade und Gerechtigkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass der erste Mensch nicht in der Gnade erschaffen wurde. Denn der Apostel unterscheidet zwischen Adam und Christus und sagt (1 Kor 15,45): „Der erste Adam wurde zu einer lebendigen Seele, der letzte Adam zu einem lebendigmachenden Geist.“ Der Geist aber wird durch die Gnade lebendig gemacht. Also wurde Christus allein in der Gnade gemacht.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (Quaest. Vet. et Nov. Test., qu. 123) [Ein Werk eines anonymen Autors unter den untergeschobenen Werken des hl. Augustinus], dass „Adam den Heiligen Geist nicht besaß“. Wer aber die Gnade besitzt, hat den Heiligen Geist. Also wurde Adam nicht in der Gnade erschaffen.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Correp. et Grat. x), dass „Gott das Leben der Engel und Menschen so geordnet hat, dass er zuerst zeigte, was sie durch den freien Willen vermöchten, dann, was sie durch seine Gnade und durch die Unterscheidung der Gerechtigkeit vermöchten.“ Gott erschuf also Menschen und Engel zuerst nur im Zustand des natürlichen freien Willens und verlieh ihnen danach die Gnade.
Einwand 4: Ferner sagt der Magister (Sent. ii, D, xxiv): „Als der Mensch erschaffen wurde, wurde ihm eine Hilfe gegeben, die ausreichte, um zu stehen, aber nicht ausreichte, um voranzuschreiten.“ Wer aber Gnade hat, kann durch Verdienst voranschreiten. Also wurde der erste Mensch nicht in der Gnade erschaffen.
Einwand 5: Ferner erfordert der Empfang der Gnade die Zustimmung des Empfängers, da dadurch eine Art geistliche Ehe zwischen Gott und der Seele stattfindet. Die Zustimmung setzt aber das Dasein voraus. Also empfing der Mensch die Gnade nicht im ersten Augenblick seiner Erschaffung.
Einwand 6: Ferner ist die Natur weiter von der Gnade entfernt als die Gnade von der Herrlichkeit, welche nur die vollendete Gnade ist. Beim Menschen aber geht die Gnade der Herrlichkeit voraus. Also ging die Natur der Gnade umso mehr voraus.
Dagegen spricht, dass Mensch und Engel beide auf die Gnade hingeordnet sind. Die Engel aber wurden in der Gnade erschaffen, denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xii, 9): „Gott bildete zugleich ihre Natur und begabte sie mit Gnade.“ Also wurde auch der Mensch in der Gnade erschaffen.
Ich antworte darauf, dass einige sagen, der Mensch sei nicht in der Gnade erschaffen worden, sondern sie sei ihm nachträglich vor der Sünde verliehen worden; und viele Autoritäten der Heiligen erklären, dass der Mensch im Zustand der Unschuld die Gnade besaß.
Doch gerade die Rechtbeschaffenheit des Urzustandes, mit der der Mensch von Gott ausgestattet war, scheint zu erfordern, dass er, wie andere sagen, in der Gnade erschaffen wurde, gemäß Prediger 7,30: „Gott hat den Menschen gerecht gemacht.“ Denn diese Rechtbeschaffenheit bestand darin, dass seine Vernunft Gott unterworfen war, die niederen Kräfte der Vernunft und der Körper der Seele: und die erste Unterwerfung war die Ursache sowohl der zweiten als auch der dritten; denn solange die Vernunft Gott unterworfen war, blieben die niederen Kräfte der Vernunft unterworfen, wie Augustinus sagt [*Vgl. De Civ. Dei xiii, 13; De Pecc. Merit. et Remiss. i, 16]. Nun ist es klar, dass eine solche Unterwerfung des Körpers unter die Seele und der niederen Kräfte unter die Vernunft nicht von der Natur war; sonst wäre sie nach der Sünde geblieben; da selbst in den Dämonen die natürlichen Gaben nach der Sünde blieben, wie Dionysius erklärte (Div. Nom. iv). Daher ist klar, dass auch jene ursprüngliche Unterwerfung, kraft derer die Vernunft Gott unterworfen war, keine bloß natürliche Gabe war, sondern eine übernatürliche Ausstattung der Gnade; denn es ist nicht möglich, dass die Wirkung von größerer Wirksamkeit ist als die Ursache. Daher sagt Augustinus (De Civ. Dei xiii, 13), dass, „sobald sie das göttliche Gebot übertreten hatten und der göttlichen Gnade verlustig gegangen waren, sie sich ihrer Nacktheit schämten, denn sie spürten den Antrieb des Ungehorsams im Fleisch, gleichsam als eine ihrer eigenen Ungehorsamkeit entsprechende Strafe.“ Wenn also der Verlust der Gnade den Gehorsam des Fleisches gegenüber der Seele auflöste, können wir daraus schließen, dass die niederen Kräfte der Seele durch die in ihr existierende Gnade unterworfen waren.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel will mit diesen Worten zeigen, dass es einen geistlichen Leib gibt, wenn es einen tierischen Leib gibt, insofern das geistliche Leben des Leibes in Christus begann, der „der Erstgeborene der Toten“ ist, wie das tierische Leben des Leibes in Adam begann. Aus den Worten des Apostels können wir daher nicht schließen, dass Adam kein geistliches Leben in seiner Seele hatte; sondern dass er kein geistliches Leben in Bezug auf den Körper hatte.
Antwort auf Einwand 2: Wie Augustinus an derselben Stelle sagt, wird nicht bestritten, dass Adam, wie andere gerechte Seelen, in gewissem Maße mit dem Heiligen Geist begabt war; aber „er besaß den Heiligen Geist nicht so, wie die Gläubigen ihn jetzt besitzen“, die unmittelbar nach dem Tod zur ewigen Glückseligkeit zugelassen werden.
Antwort auf Einwand 3: Diese Stelle bei Augustinus besagt nicht, dass Engel oder Menschen mit natürlichem freien Willen erschaffen wurden, bevor sie die Gnade besaßen; sondern dass Gott zuerst zeigt, was ihr freier Wille vermochte, bevor er in der Gnade gefestigt wurde, und was sie danach erwarben, indem sie so gefestigt wurden.
Antwort auf Einwand 4: Der Magister spricht hier gemäß der Meinung jener, die vertraten, dass der Mensch nicht in der Gnade, sondern nur im Naturzustand erschaffen wurde. Wir können auch sagen, dass, obwohl der Mensch in der Gnade erschaffen wurde, er doch nicht kraft der Natur, in der er erschaffen wurde, durch Verdienst voranschreiten konnte, sondern kraft der Gnade, die hinzugefügt wurde.
Antwort auf Einwand 5: Da die Bewegung des Willens nicht kontinuierlich ist, spricht nichts dagegen, dass der erste Mensch der Gnade schon im ersten Augenblick seines Daseins zugestimmt hat.
Antwort auf Einwand 6: Wir verdienen die Herrlichkeit durch einen Akt der Gnade; aber wir verdienen die Gnade nicht durch einen Akt der Natur; daher hinkt der Vergleich.