I, q. 94 a. 3
Ob der erste Mensch alles wusste?
Quaestio 94 · Vom Zustand und der Beschaffenheit des ersten Menschen hinsichtlich seines Intellekts.
Einwand 1: Es scheint, dass der erste Mensch nicht alles wusste. Denn wenn er eine solche Erkenntnis gehabt hätte, wäre dies entweder durch erworbene Spezies, oder durch konnaturale Spezies, oder durch eingegossene Spezies geschehen. Nicht jedoch durch erworbene Spezies; denn diese Art der Erkenntnis wird durch Erfahrung erworben, wie in Metaph. i, 1 dargelegt; und der erste Mensch hatte damals noch keine Erfahrung von allen Dingen gewonnen. Auch nicht durch konnaturale Spezies, weil er von derselben Natur war wie wir; und unsere Seele ist, wie Aristoteles sagt (De Anima iii, 4), „wie eine unbeschriebene Tafel, auf der nichts geschrieben steht“. Und wenn seine Erkenntnis durch eingegossene Spezies kam, wäre sie von anderer Art gewesen als unsere, die wir von den Dingen selbst erwerben.
Einwand 2: Ferner haben Individuen derselben Spezies denselben Weg, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Nun haben andere Menschen nicht von Anfang an die Erkenntnis aller Dinge, sondern sie erwerben sie im Laufe der Zeit gemäß ihrer Kapazität. Daher wusste auch Adam nicht alles, als er zuerst erschaffen wurde.
Einwand 3: Ferner ist der gegenwärtige Lebenszustand dem Menschen gegeben, damit seine Seele in Erkenntnis und Verdienst fortschreite; in der Tat scheint die Seele zu diesem Zweck mit dem Körper vereint zu sein. Nun wäre der Mensch in jenem Lebenszustand im Verdienst fortgeschritten; daher auch in der Erkenntnis. Also war er nicht mit der Erkenntnis aller Dinge ausgestattet.
Dagegen spricht, dass der Mensch den Tieren Namen gab (Gen 2,20). Namen aber sollten der Natur der Dinge angepasst sein. Daher kannte Adam die Naturen der Tiere; und in gleicher Weise war er im Besitz der Erkenntnis aller anderen Dinge.
Ich antworte darauf, dass in der natürlichen Ordnung die Vollkommenheit vor der Unvollkommenheit kommt, wie der Akt der Potenz vorausgeht; denn was in Potenz ist, wird nur durch etwas Aktuelles in den Akt überführt. Und da Gott die Dinge nicht nur für ihre eigene Existenz erschuf, sondern auch, damit sie die Prinzipien anderer Dinge seien, so wurden die Geschöpfe in ihrem vollkommenen Zustand hervorgebracht, um Prinzipien in Bezug auf andere zu sein. Nun kann der Mensch das Prinzip eines anderen Menschen sein, nicht nur durch die Zeugung des Körpers, sondern auch durch Unterweisung und Regierung. Daher wurde, wie der erste Mensch in seinem vollkommenen Zustand hinsichtlich seines Körpers für das Werk der Zeugung hervorgebracht wurde, so auch seine Seele in einem vollkommenen Zustand eingesetzt, um andere zu unterweisen und zu regieren.
Nun kann niemand andere unterweisen, es sei denn, er hat Erkenntnis, und so wurde der erste Mensch von Gott in einer solchen Weise eingesetzt, dass er Erkenntnis all jener Dinge hatte, für die der Mensch eine natürliche Begabung hat. Und solche sind alle Dinge, die virtuell in den ersten, durch sich selbst bekannten Prinzipien enthalten sind, das heißt, alle Wahrheiten, die der Mensch von Natur aus erkennen kann. Überdies muss der Mensch, um sein eigenes Leben und das anderer zu lenken, nicht nur jene Dinge wissen, die natürlich erkannt werden können, sondern auch Dinge, die die natürliche Erkenntnis übersteigen; weil das Leben des Menschen auf ein übernatürliches Ziel ausgerichtet ist: so wie es für uns notwendig ist, die Wahrheiten des Glaubens zu kennen, um unser eigenes Leben zu lenken. Daher war der erste Mensch mit einer solchen Erkenntnis dieser übernatürlichen Wahrheiten ausgestattet, wie sie für die Lenkung des menschlichen Lebens in jenem Zustand notwendig war. Aber jene Dinge, die nicht durch bloß menschliche Anstrengung erkannt werden können und die nicht für die Lenkung des menschlichen Lebens notwendig sind, wurden vom ersten Menschen nicht gewusst; wie etwa die Gedanken der Menschen, zukünftige kontingente Ereignisse und einige individuelle Fakten, wie zum Beispiel die Anzahl der Kieselsteine in einem Bach; und dergleichen.
Antwort auf Einwand 1: Der erste Mensch hatte die Erkenntnis aller Dinge durch göttlich eingegossene Spezies. Doch war seine Erkenntnis nicht verschieden von der unseren; wie die Augen, die Christus dem Blindgeborenen gab, nicht verschieden waren von denen, die von der Natur gegeben werden.
Antwort auf Einwand 2: Adam, als dem ersten Menschen, gebührte ein Grad an Vollkommenheit, der anderen Menschen nicht gebührte, wie aus dem oben Erklärten klar ist.
Antwort auf Einwand 3: Adam wäre in der natürlichen Erkenntnis fortgeschritten, nicht in der Anzahl der gewussten Dinge, sondern in der Art des Wissens; weil er das, was er spekulativ wusste, später durch Erfahrung gewusst hätte. Aber hinsichtlich der übernatürlichen Erkenntnis wäre er auch hinsichtlich der Anzahl der gewussten Dinge fortgeschritten, durch weitere Offenbarung; wie die Engel durch weitere Erleuchtung fortschreiten. Überdies gibt es keinen Vergleich zwischen dem Fortschritt in der Erkenntnis und dem Fortschritt im Verdienst; da ein Mensch für einen anderen kein Prinzip des Verdienstes sein kann, obwohl er für einen anderen ein Prinzip der Erkenntnis sein kann.