I, q. 91 a. 3
Ob dem Körper des Menschen eine geeignete Beschaffenheit gegeben wurde?
Quaestio 91 · Die Hervorbringung des Leibes des ersten Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass dem Körper des Menschen keine geeignete Beschaffenheit gegeben wurde. Denn da der Mensch das edelste der Tiere ist, sollte sein Körper am besten beschaffen sein in dem, was einem Tier eigen ist, das heißt in Sinn und Bewegung. Aber einige Tiere haben schärfere Sinne und schnellere Bewegung als der Mensch; so haben Hunde einen feineren Geruch und Vögel einen schnelleren Flug. Daher war der Körper des Menschen nicht geeignet beschaffen.
Einwand 2: Ferner ist vollkommen, was nichts mangelt. Aber dem menschlichen Körper mangelt mehr als dem Körper anderer Tiere, denn diese sind mit Bedeckung und natürlichen Verteidigungswaffen versehen, an denen es dem Menschen mangelt. Daher ist der menschliche Körper sehr unvollkommen beschaffen.
Einwand 3: Ferner ist der Mensch weiter von den Pflanzen entfernt als von den unvernünftigen Tieren. Aber Pflanzen sind von aufrechter Gestalt, während unvernünftige Tiere von geneigter Gestalt sind. Daher sollte der Mensch nicht von aufrechter Gestalt sein.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Pred 7,30): „Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht.“
Ich antworte darauf, dass alle natürlichen Dinge durch die göttliche Kunst hervorgebracht wurden und so Gottes Kunstwerke genannt werden können. Nun beabsichtigt jeder Künstler, seinem Werk die beste Beschaffenheit zu geben; nicht die schlechthin beste, sondern die beste in Bezug auf das vorgesetzte Ziel; und selbst wenn dies irgendeinen Mangel mit sich bringt, kümmert es den Künstler nicht: so zum Beispiel, wenn ein Mensch sich eine Säge zum Zweck des Schneidens macht, macht er sie aus Eisen, was für das ins Auge gefasste Objekt geeignet ist; und er zieht es nicht vor, sie aus Glas zu machen, obwohl dies ein schöneres Material wäre, weil eben diese Schönheit ein Hindernis für das Ziel wäre, das er im Auge hat. Daher gab Gott jedem natürlichen Wesen die beste Beschaffenheit; nicht schlechthin, sondern im Hinblick auf sein eigenes Ziel. Dies ist, was der Philosoph sagt (Phys. ii, 7): „Und weil es so besser ist, nicht schlechthin, sondern für die Substanz eines jeden.“
Nun ist das nächste Ziel des menschlichen Körpers die vernunftbegabte Seele und ihre Operationen; da die Materie um der Form willen ist und Werkzeuge für das Handeln des Agens sind. Ich sage daher, dass Gott den menschlichen Körper in jener Beschaffenheit gestaltete, die die beste war, als am geeignetsten für eine solche Form und für solche Operationen. Wenn ein Mangel in der Beschaffenheit des menschlichen Körpers existiert, ist wohl zu beachten, dass ein solcher Mangel als notwendiges Resultat der Materie entsteht, aus den Bedingungen, die im Körper erforderlich sind, um ihn der Seele und ihren Operationen angemessen zu proportionieren.
Zu Einwand 1: Der Tastsinn, der das Fundament der anderen Sinne ist, ist im Menschen vollkommener als in jedem anderen Tier; und aus diesem Grund muss der Mensch das ausgeglichenste Temperament aller Tiere haben. Überdies übertrifft der Mensch alle anderen Tiere in den inneren sensitiven Kräften, wie aus dem klar ist, was wir oben gesagt haben (Quaestio 78, Artikel 4). Aber durch eine Art Notwendigkeit bleibt der Mensch hinter den anderen Tieren in einigen der äußeren Sinne zurück; so hat er von allen Tieren den geringsten Geruchssinn. Denn der Mensch benötigt das größte Gehirn im Vergleich zum Körper; sowohl für seine größere Handlungsfreiheit in den inneren Kräften, die für die intellektuellen Operationen erforderlich sind, wie wir oben gesehen haben (Quaestio 84, Artikel 7); als auch damit die niedrige Temperatur des Gehirns die Hitze des Herzens mäßige, die im Menschen beträchtlich sein muss, damit er aufrecht stehen kann. So ist die Größe des Gehirns aufgrund seiner Feuchtigkeit ein Hindernis für den Geruch, der Trockenheit erfordert. In gleicher Weise können wir einen Grund vorschlagen, warum einige Tiere ein schärferes Sehen und ein akuteres Hören haben als der Mensch; nämlich wegen eines Hindernisses für seine Sinne, das notwendigerweise aus der vollkommenen Ausgeglichenheit seines Temperaments entsteht. Derselbe Grund genügt, um zu erklären, warum einige Tiere schneller in der Bewegung sind als der Mensch, da diese Vorzüglichkeit der Schnelligkeit unvereinbar ist mit der Ausgeglichenheit des menschlichen Temperaments.
Zu Einwand 2: Hörner und Klauen, welche die Waffen einiger Tiere sind, und Zähigkeit der Haut und Menge an Haaren oder Federn, welche die Kleidung der Tiere sind, sind Zeichen eines Überflusses des irdischen Elements; was nicht mit der Ausgeglichenheit und Weichheit des menschlichen Temperaments übereinstimmt. Daher passen solche Dinge nicht zur Natur des Menschen. Statt dieser hat er Vernunft und Hände, womit er sich Waffen und Kleidung und andere Notwendigkeiten des Lebens von unendlicher Vielfalt machen kann. Weshalb die Hand von Aristoteles (De Anima iii, 8) „das Werkzeug der Werkzeuge“ genannt wird. Überdies war dies der vernunftbegabten Natur angemessener, die fähig ist, eine unendliche Anzahl von Dingen zu konzipieren, um sich so eine unendliche Anzahl von Instrumenten zu machen.
Zu Einwand 3: Eine aufrechte Gestalt war für den Menschen aus vier Gründen angemessen. Erstens, weil die Sinne dem Menschen gegeben sind, nicht nur zum Zweck der Beschaffung der Lebensnotwendigkeiten, wofür sie anderen Tieren verliehen sind, sondern auch zum Zweck der Erkenntnis. Daher, während die anderen Tiere sich an den Objekten der Sinne nur erfreuen, wie sie auf Nahrung und Geschlecht hingeordnet sind, findet der Mensch allein Gefallen an der Schönheit der sinnlichen Objekte um ihrer selbst willen. Da also die Sinne hauptsächlich im Gesicht liegen, haben andere Tiere das Gesicht zum Boden gewandt, gleichsam zum Zweck der Nahrungssuche und des Lebensunterhalts; wohingegen der Mensch sein Gesicht aufrecht hat, damit er durch die Sinne, und hauptsächlich durch das Sehen, das feiner ist und weiter in die Unterschiede der Dinge eindringt, die sinnlichen Objekte um sich herum frei überblicken kann, sowohl die himmlischen als auch die irdischen, um so intelligible Wahrheit aus allen Dingen zu sammeln. Zweitens für die größere Freiheit der Akte der inneren Kräfte; da das Gehirn, worin diese Handlungen gewissermaßen vollzogen werden, nicht tief unten ist, sondern über andere Teile des Körpers erhoben. Drittens, weil, wenn die Gestalt des Menschen zum Boden geneigt wäre, er seine Hände als Vorderfüße benutzen müsste; und so würde ihr Nutzen für andere Zwecke aufhören. Viertens, weil, wenn die Gestalt des Menschen zum Boden geneigt wäre und er seine Hände als Vorderfüße benutzte, er gezwungen wäre, seine Nahrung mit dem Mund zu ergreifen. So hätte er einen vorstehenden Mund, mit dicken und harten Lippen und auch einer harten Zunge, um sie vor Verletzung durch äußere Dinge zu bewahren; wie wir es bei anderen Tieren sehen. Überdies würde eine solche Haltung das Sprechen, welches die eigentliche Operation der Vernunft ist, gänzlich behindern.
Dennoch, obwohl von aufrechter Gestalt, ist der Mensch weit über den Pflanzen. Denn der obere Teil des Menschen, sein Kopf, ist dem oberen Teil der Welt zugewandt, und sein unterer Teil ist der unteren Welt zugewandt; und daher ist er hinsichtlich der allgemeinen Lage seines Körpers vollkommen disponiert. Pflanzen haben den oberen Teil der unteren Welt zugewandt, da ihre Wurzeln dem Mund entsprechen; und ihren unteren Teil der oberen Welt. Aber unvernünftige Tiere haben eine mittlere Beschaffenheit, denn der obere Teil des Tieres ist der, durch den es Nahrung aufnimmt, und der untere Teil der, durch den es sich des Überschusses entledigt.