I, q. 91 a. 1
Ob der Körper des ersten Menschen aus dem Lehm der Erde gebildet wurde?
Quaestio 91 · Die Hervorbringung des Leibes des ersten Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass der Körper des ersten Menschen nicht aus dem Lehm der Erde gebildet wurde. Denn es ist ein Akt größerer Macht, etwas aus nichts zu machen als aus etwas; weil das „Nicht-Sein“ weiter vom aktuellen Dasein entfernt ist als das „Sein in Potenz“. Da aber der Mensch das ehrwürdigste der niederen Geschöpfe Gottes ist, war es angemessen, dass bei der Hervorbringung des menschlichen Körpers die Macht Gottes am deutlichsten gezeigt würde. Daher hätte er nicht aus dem Lehm der Erde, sondern aus dem Nichts gemacht werden sollen.
Einwand 2: Ferner sind die himmlischen Körper edler als die irdischen Körper. Der menschliche Körper aber besitzt die größte Würde, da er durch die edelste Form vervollkommnet wird, nämlich die vernunftbegabte Seele. Daher sollte er nicht aus einem irdischen Körper, sondern aus einem himmlischen Körper gemacht sein.
Einwand 3: Ferner sind Feuer und Luft edler als Erde und Wasser, wie aus ihrer Feinheit ersichtlich ist. Da also der menschliche Körper der edelste ist, hätte er eher aus Feuer und Luft als aus dem Lehm der Erde gemacht werden sollen.
Einwand 4: Ferner ist der menschliche Körper aus den vier Elementen zusammengesetzt. Daher wurde er nicht aus dem Lehm der Erde, sondern aus den vier Elementen gemacht.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Gen 2,7): „Gott bildete den Menschen aus dem Lehm der Erde.“
Ich antworte darauf, dass Gott, da Er in Seinen Werken vollkommen ist, allen Vollkommenheit nach ihrer Fassungskraft verlieh: „Gottes Werke sind vollkommen“ (Dtn 32,4). Er selbst ist schlechthin vollkommen durch die Tatsache, dass „alle Dinge in Ihm vor-enthalten sind“, nicht als Bestandteile, sondern als „in einem einfachen Ganzen vereint“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. v); in gleicher Weise, wie verschiedene Wirkungen in ihrer Ursache präexistieren, gemäß deren einer Kraft. Diese Vollkommenheit wird den Engeln verliehen, insofern alle Dinge, die von Gott in der Natur durch verschiedene Formen hervorgebracht werden, unter ihre Erkenntnis fallen. Dem Menschen aber wird diese Vollkommenheit in einer geringeren Weise verliehen. Denn er besitzt keine natürliche Erkenntnis aller natürlichen Dinge, sondern ist gewissermaßen aus allen Dingen zusammengesetzt, da er in sich eine vernunftbegabte Seele vom Geschlecht der geistigen Substanzen hat und in Ähnlichkeit zu den himmlischen Körpern durch ein ausgeglichenes Temperament von den Gegensätzen entfernt ist. Was die Elemente betrifft, so hat er sie in ihrer eigentlichen Substanz, jedoch so, dass die höheren Elemente, Feuer und Luft, in ihm durch ihre Kraft vorherrschen; denn Leben findet sich meist dort, wo Wärme ist, die vom Feuer kommt; und wo Feuchtigkeit ist, die von der Luft ist. Aber die niederen Elemente sind im Menschen ihrer Substanz nach reichlich vorhanden; andernfalls wäre die Mischung der Elemente nicht gleichmäßig ausgewogen, wenn nicht die niederen Elemente, die weniger Kraft haben, an Menge vorherrschten. Daher wird gesagt, der Körper des Menschen sei aus dem Lehm der Erde geformt worden; weil Erde und Wasser vermischt Lehm genannt werden, und aus diesem Grund wird der Mensch eine „kleine Welt“ genannt, weil alle Geschöpfe der Welt gewissermaßen in ihm zu finden sind.
Zu Einwand 1: Die Macht des göttlichen Schöpfers offenbarte sich im Körper des Menschen, als dessen Materie durch Schöpfung hervorgebracht wurde. Aber es war angemessen, dass der menschliche Körper aus den vier Elementen gemacht wurde, damit der Mensch etwas mit den niederen Körpern gemeinsam habe, da er etwas zwischen geistigen und körperlichen Substanzen ist.
Zu Einwand 2: Obwohl der himmlische Körper an sich edler ist als der irdische Körper, ist der himmlische Körper doch für die Akte der vernunftbegabten Seele weniger geeignet. Denn die vernunftbegabte Seele empfängt die Erkenntnis der Wahrheit in gewisser Weise durch die Sinne, deren Organe nicht aus einem himmlischen Körper gebildet werden können, der leidensunfähig ist. Auch ist es nicht wahr, dass etwas von der fünften Essenz materiell in die Zusammensetzung des menschlichen Körpers eingeht, wie einige sagen, die annehmen, dass die Seele mittels des Lichts mit dem Körper vereint ist. Denn erstens ist das, was sie sagen, falsch – dass Licht ein Körper sei. Zweitens ist es unmöglich, dass etwas von der fünften Essenz oder von einem himmlischen Körper genommen und mit den Elementen vermischt wird, da ein himmlischer Körper leidensunfähig ist; weshalb er nicht in die Zusammensetzung gemischter Körper eingeht, außer in den Wirkungen seiner Kraft.
Zu Einwand 3: Wenn Feuer und Luft, deren Wirkung von größerer Kraft ist, auch an Menge im menschlichen Körper vorherrschten, würden sie den Rest gänzlich in sich ziehen, und es gäbe keine Gleichheit in der Mischung, wie sie für die Zusammensetzung des Menschen erforderlich ist, wegen des Tastsinns, der das Fundament der anderen Sinne ist. Denn das Organ eines jeden besonderen Sinnes darf die Gegensätze, deren Wahrnehmung dieser Sinn hat, nicht aktuell haben, sondern nur potenziell; entweder so, dass es gänzlich frei von der ganzen „Gattung“ solcher Gegensätze ist – so ist zum Beispiel die Pupille des Auges ohne Farbe, um in Potenz zu allen Farben zu sein; was im Organ des Tastsinns nicht möglich ist, da es aus eben den Elementen zusammengesetzt ist, deren Qualitäten durch diesen Sinn wahrgenommen werden – oder so, dass das Organ ein Medium zwischen zwei Gegensätzen ist, wie es beim Tastsinn der Fall sein muss; denn das Medium ist in Potenz zu den Extremen.
Zu Einwand 4: Im Lehm der Erde sind Erde und Wasser, das die Erde zusammenbindet. Die anderen Elemente erwähnt die Schrift nicht, weil sie im menschlichen Körper mengenmäßig geringer sind, wie wir gesagt haben; und weil auch im Bericht der Schöpfung keine Erwähnung von Feuer und Luft gemacht wird, die von den Sinnen ungebildeter Menschen, an die die Schrift unmittelbar gerichtet war, nicht wahrgenommen werden.