I, q. 91 a. 2
Ob der menschliche Körper unmittelbar von Gott hervorgebracht wurde?
Quaestio 91 · Die Hervorbringung des Leibes des ersten Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass der menschliche Körper nicht unmittelbar von Gott hervorgebracht wurde. Denn Augustinus sagt (De Trin. iii, 4), dass „körperliche Dinge von Gott durch die Engel geordnet werden“. Aber der menschliche Körper wurde aus körperlicher Materie gemacht, wie oben dargelegt (Artikel 1). Daher wurde er durch das Werkzeug der Engel und nicht unmittelbar von Gott hervorgebracht.
Einwand 2: Ferner, was immer durch eine geschaffene Kraft gemacht werden kann, wird nicht notwendigerweise unmittelbar von Gott hervorgebracht. Aber der menschliche Körper kann durch die geschaffene Kraft eines Himmelskörpers hervorgebracht werden; denn sogar gewisse Tiere werden aus Fäulnis durch die aktive Kraft eines Himmelskörpers hervorgebracht; und Albumazar sagt, dass der Mensch nicht dort erzeugt wird, wo Hitze und Kälte extrem sind, sondern nur in gemäßigten Regionen. Daher wurde der menschliche Körper nicht notwendigerweise unmittelbar von Gott hervorgebracht.
Einwand 3: Ferner wird nichts aus körperlicher Materie gemacht außer durch irgendeine materielle Veränderung. Aber alle körperliche Veränderung wird durch eine Bewegung eines Himmelskörpers verursacht, welche die erste Bewegung ist. Da also der menschliche Körper aus körperlicher Materie hervorgebracht wurde, scheint es, dass ein Himmelskörper an seiner Hervorbringung Anteil hatte.
Einwand 4: Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. vii, 24), dass der Körper des Menschen während des Werkes der sechs Tage gemäß den ursächlichen Kräften gemacht wurde, die Gott in die körperlichen Geschöpfe einpflanzte; und dass er danach tatsächlich hervorgebracht wurde. Aber was im körperlichen Geschöpf aufgrund ursächlicher Kräfte präexistiert, kann durch irgendeinen körperlichen Körper hervorgebracht werden. Daher wurde der menschliche Körper durch irgendeine geschaffene Kraft und nicht unmittelbar von Gott hervorgebracht.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Sir 17,1): „Gott schuf den Menschen aus der Erde.“
Ich antworte darauf, dass die erste Bildung des menschlichen Körpers nicht durch das Werkzeug irgendeiner geschaffenen Kraft geschehen konnte, sondern unmittelbar von Gott war. Einige nahmen zwar an, dass die Formen, die in der körperlichen Materie sind, von irgendwelchen immateriellen Formen abgeleitet sind; aber der Philosoph widerlegt diese Meinung (Metaph. vii) aus dem Grund, dass Formen nicht an sich gemacht werden können, sondern nur im Zusammengesetzten, wie wir erklärt haben (Quaestio 65, Artikel 4); und weil das Wirkende seinem Effekt ähnlich sein muss, ist es nicht angemessen, dass eine reine Form, die nicht in Materie existiert, eine Form hervorbringt, die in Materie ist, und welche Form nur dadurch gemacht wird, dass das Zusammengesetzte gemacht wird. So kann eine Form, die in Materie ist, nur die Ursache einer anderen Form sein, die in Materie ist, insofern als Zusammengesetztes durch Zusammengesetztes gemacht wird. Nun kann Gott, obwohl Er absolut immateriell ist, allein durch Seine eigene Macht Materie durch Schöpfung hervorbringen: weshalb Er allein eine Form in Materie hervorbringen kann, ohne die Hilfe irgendeiner vorhergehenden materiellen Form. Aus diesem Grund können die Engel einen Körper nicht umwandeln, außer indem sie sich etwas von der Art eines Samens bedienen, wie Augustinus sagt (De Trin. iii, 19). Da also kein präexistierender Körper geformt war, durch den ein anderer Körper derselben Spezies hätte gezeugt werden können, wurde der erste menschliche Körper notwendigerweise unmittelbar von Gott gemacht.
Zu Einwand 1: Obwohl die Engel die Diener Gottes sind in Bezug auf das, was Er in Körpern tut, tut Gott doch etwas in Körpern jenseits der Macht der Engel, wie zum Beispiel die Toten aufzuerwecken oder den Blinden das Augenlicht zu geben: und durch diese Macht formte Er den Körper des ersten Menschen aus dem Lehm der Erde. Dennoch konnten die Engel als Diener bei der Bildung des Körpers des ersten Menschen wirken, in derselben Weise, wie sie es bei der letzten Auferstehung tun werden, indem sie den Staub sammeln.
Zu Einwand 2: Vollkommene Tiere, die aus Samen hervorgebracht werden, können nicht durch die alleinige Kraft eines Himmelskörpers gemacht werden, wie Avicenna sich einbildete; obwohl die Kraft eines Himmelskörpers durch Mitwirkung beim Werk der natürlichen Zeugung helfen kann, wie der Philosoph sagt (Phys. ii, 26): „Der Mensch und die Sonne zeugen den Menschen aus Materie.“ Aus diesem Grund ist ein Ort von gemäßigter Temperatur für die Hervorbringung des Menschen und anderer Tiere erforderlich. Aber die Kraft der Himmelskörper genügt für die Hervorbringung einiger unvollkommener Tiere aus geeignet disponierter Materie: denn es ist klar, dass mehr Bedingungen erforderlich sind, um ein vollkommenes als ein unvollkommenes Ding hervorzubringen.
Zu Einwand 3: Die Bewegung des Himmels verursacht natürliche Veränderungen; aber nicht Veränderungen, die die Ordnung der Natur übersteigen und allein durch die göttliche Macht verursacht werden, wie dass die Toten zum Leben erweckt werden oder die Blinden sehen: dem ähnlich ist auch das Machen des Menschen aus dem Lehm der Erde.
Zu Einwand 4: Ein Effekt kann auf zwei Weisen in den ursächlichen Kräften der Geschöpfe präexistieren. Erstens sowohl in aktiver als auch in passiver Potenz, so dass er nicht nur aus präexistierender Materie hervorgebracht werden kann, sondern auch, dass irgendein präexistierendes Geschöpf ihn hervorbringen kann. Zweitens nur in passiver Potenz; das heißt, dass er aus präexistierender Materie von Gott hervorgebracht werden kann. In diesem Sinne präexistierte nach Augustinus der menschliche Körper im vorangegangenen Werk in dessen ursächlichen Kräften.