I, q. 90 a. 4
Ob die menschliche Seele vor dem Körper hervorgebracht wurde?
Quaestio 90 · Von der ersten Hervorbringung der menschlichen Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die menschliche Seele vor dem Körper gemacht wurde. Denn das Werk der Schöpfung ging dem Werk der Unterscheidung und Ausschmückung voraus, wie oben gezeigt (Frage [66], Artikel [1]; Frage [70], Artikel [1]). Aber die Seele wurde durch Schöpfung gemacht; wohingegen der Körper am Ende des Werkes der Ausschmückung gemacht wurde. Also wurde die Seele des Menschen vor dem Körper gemacht.
Einwand 2: Ferner hat die vernunftbegabte Seele mehr mit den Engeln gemein als mit den unvernünftigen Tieren. Aber die Engel wurden vor den Körpern erschaffen, oder zumindest am Anfang mit der körperlichen Materie; wohingegen der Körper des Menschen am sechsten Tag geformt wurde, als auch die Tiere gemacht wurden. Also wurde die Seele des Menschen vor dem Körper erschaffen.
Einwand 3: Ferner ist das Ende dem Anfang proportional. Aber am Ende überdauert die Seele den Körper. Also wurde sie am Anfang vor dem Körper erschaffen.
Dagegen spricht, Der eigentliche Akt wird in seiner eigentlichen Potenz hervorgebracht. Da also die Seele der eigentliche Akt des Körpers ist, wurde die Seele im Körper hervorgebracht.
Ich antworte darauf, Origenes (Peri Archon i, 7,8) vertrat die Meinung, dass nicht nur die Seele des ersten Menschen, sondern auch die Seelen aller Menschen zur gleichen Zeit wie die Engel erschaffen wurden, vor ihren Körpern: weil er dachte, dass alle geistigen Substanzen, ob Seelen oder Engel, in ihrer natürlichen Beschaffenheit gleich seien und sich nur durch Verdienst unterschieden; so dass einige von ihnen – nämlich die Seelen von Menschen oder von Himmelskörpern – mit Körpern vereinigt werden, während andere in ihren verschiedenen Ordnungen gänzlich frei von Materie bleiben. Über diese Meinung haben wir bereits gesprochen (Frage [47], Artikel [2]); und so brauchen wir hier nichts darüber zu sagen.
Augustinus jedoch (Gen. ad lit. vii, 24) sagt, dass die Seele des ersten Menschen zur gleichen Zeit wie die Engel erschaffen wurde, vor dem Körper, aus einem anderen Grund; weil er annimmt, dass der Körper des Menschen während des Werkes der sechs Tage nicht aktuell, sondern nur hinsichtlich gewisser „ursächlicher Kräfte“ hervorgebracht wurde; was von der Seele nicht gesagt werden kann, weil sie weder aus irgendeiner präexistierenden körperlichen oder geistigen Materie gemacht wurde, noch aus irgendeiner geschaffenen Kraft hervorgebracht werden konnte. Daher scheint es, dass die Seele selbst während des Werkes der sechs Tage, als alle Dinge gemacht wurden, zusammen mit den Engeln erschaffen wurde; und dass sie danach, durch ihren eigenen Willen, zum Dienst am Körper verbunden wurde. Aber er sagt dies nicht im Sinne einer Behauptung; wie seine Worte beweisen. Denn er sagt (Gen. ad lit. vii, 29): „Wir dürfen glauben, wenn weder Schrift noch Vernunft es verbieten, dass der Mensch am sechsten Tag gemacht wurde, in dem Sinne, dass sein Körper hinsichtlich seiner ursächlichen Kraft in den Elementen der Welt erschaffen wurde, die Seele aber bereits erschaffen war.“
Nun könnte dies von jenen aufrechterhalten werden, die der Meinung sind, dass die Seele aus sich selbst heraus eine vollständige Spezies und Natur besitzt und dass sie nicht als seine Form mit dem Körper vereinigt ist, sondern als sein Verwalter. Wenn aber die Seele als seine Form mit dem Körper vereinigt ist und natürlicherweise ein Teil der menschlichen Natur ist, ist die obige Annahme ganz unmöglich. Denn es ist klar, dass Gott die ersten Dinge in ihrem vollkommenen natürlichen Zustand machte, wie es ihre Spezies erforderte. Nun hat die Seele als Teil der menschlichen Natur ihre natürliche Vollkommenheit nur als mit dem Körper vereinigt. Daher wäre es unpassend gewesen, wenn die Seele ohne den Körper erschaffen worden wäre.
Wenn wir daher die Meinung des Augustinus über das Werk der sechs Tage zulassen (Frage [74], Artikel [2]), können wir sagen, dass die menschliche Seele im Werk der sechs Tage durch eine gewisse gattungsmäßige Ähnlichkeit vorausging, insofern sie die intellektuelle Natur mit den Engeln gemein hat; aber sie selbst wurde zur gleichen Zeit wie der Körper erschaffen. Gemäß den anderen Heiligen wurden sowohl der Körper als auch die Seele des ersten Menschen im Werk der sechs Tage hervorgebracht.
Antwort auf Einwand 1: Wenn die Seele ihrer Natur nach eine vollständige Spezies wäre, so dass sie für sich selbst erschaffen werden könnte, würde dieser Grund beweisen, dass die Seele für sich allein am Anfang erschaffen wurde. Da aber die Seele natürlicherweise die Form des Körpers ist, wurde sie notwendigerweise nicht getrennt, sondern im Körper erschaffen.
Antwort auf Einwand 2: Die gleiche Beobachtung gilt für den zweiten Einwand. Denn wenn die Seele eine Spezies aus sich selbst heraus hätte, hätte sie noch mehr mit den Engeln gemein. Aber als Form des Körpers gehört sie zum Tiergeschlecht, als ein formales Prinzip.
Antwort auf Einwand 3: Dass die Seele nach dem Körper verbleibt, liegt an einem Defekt des Körpers, nämlich dem Tod. Welcher Defekt nicht fällig war, als die Seele zuerst erschaffen wurde.