I, q. 90 a. 2
Ob die Seele durch Schöpfung hervorgebracht wurde?
Quaestio 90 · Von der ersten Hervorbringung der menschlichen Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele nicht durch Schöpfung hervorgebracht wurde. Denn das, was etwas Materielles in sich hat, wird aus Materie hervorgebracht. Die Seele ist aber zum Teil materiell, da sie kein reiner Akt ist. Also wurde die Seele aus Materie gemacht; und folglich wurde sie nicht erschaffen.
Einwand 2: Ferner wird jede Wirklichkeit der Materie aus der Potenz jener Materie herausgeführt; denn da die Materie in Potenz zum Akt ist, präexistiert jeder Akt potentiell in der Materie. Die Seele aber ist der Akt der körperlichen Materie, wie aus ihrer Definition klar ist. Also wird die Seele aus der Potenz der Materie herausgeführt.
Einwand 3: Ferner ist die Seele eine Form. Wenn also die Seele erschaffen wird, werden auch alle anderen Formen erschaffen. So kämen keine Formen durch Zeugung ins Dasein; was nicht wahr ist.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Gen 1,27): „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild.“ Der Mensch ist aber Gott in seiner Seele ähnlich. Also wurde die Seele erschaffen.
Ich antworte darauf, Die vernunftbegabte Seele kann nur durch Schöpfung gemacht werden; was jedoch für andere Formen nicht gilt. Der Grund dafür ist, dass, da das Gemachtwerden der Weg zur Existenz ist, ein Ding auf eine solche Weise gemacht werden muss, wie es seiner Existenzweise entspricht. Nun existiert dasjenige im eigentlichen Sinne, das selbst Existenz hat; gleichsam in seiner eigenen Existenz subsistierend. Weshalb nur Substanzen eigentlich und wahrhaftig Seiende genannt werden; wohingegen ein Akzidens keine Existenz hat, sondern etwas ist durch es (modifiziert), und insofern wird es ein Seiendes genannt; zum Beispiel wird Weiße ein Seiendes genannt, weil durch sie etwas weiß ist. Daher heißt es in Metaph. vii, Did. vi, 1, dass ein Akzidens eher als „von etwas“ denn als „etwas“ beschrieben werden sollte. Dasselbe gilt für alle nicht-subsistierenden Formen. Daher kommt es eigentlich keiner nicht-existierenden Form zu, gemacht zu werden; sondern von solchen wird gesagt, sie würden gemacht, indem die zusammengesetzten Substanzen gemacht werden. Andererseits ist die vernunftbegabte Seele eine subsistierende Form, wie oben erklärt (Frage [75], Artikel [2]). Weshalb es ihr zukommt, zu sein und gemacht zu werden. Und da sie nicht aus präexistierender Materie gemacht werden kann – sei es körperliche, was sie zu einem körperlichen Wesen machen würde, oder geistige, was die Umwandlung einer geistigen Substanz in eine andere beinhalten würde –, müssen wir schließen, dass sie nicht anders als durch Schöpfung existieren kann.
Antwort auf Einwand 1: Die einfache Essenz der Seele verhält sich wie das materielle Element, während ihre teilhabende Existenz ihr formales Element ist; welche teilhabende Existenz notwendigerweise mit der Essenz der Seele koexistiert, weil die Existenz natürlicherweise der Form folgt. Dasselbe gilt, wenn angenommen wird, die Seele sei aus irgendeiner geistigen Materie zusammengesetzt, wie einige behaupten; weil die besagte Materie nicht in Potenz zu einer anderen Form ist, wie auch nicht die Materie eines Himmelskörpers; andernfalls wäre die Seele vergänglich. Weshalb die Seele in keiner Weise aus präexistierender Materie gemacht werden kann.
Antwort auf Einwand 2: Die Hervorbringung des Aktes aus der Potenz der Materie ist nichts anderes, als dass etwas aktuell wird, das zuvor in Potenz war. Da aber die vernunftbegabte Seele in ihrer Existenz nicht von der körperlichen Materie abhängt und subsistent ist und die Kapazität der körperlichen Materie übersteigt, wie wir gesehen haben (Frage [75], Artikel [2]), wird sie nicht aus der Potenz der Materie herausgeführt.
Antwort auf Einwand 3: Wie wir gesagt haben, gibt es keinen Vergleich zwischen der vernunftbegabten Seele und anderen Formen.