I, q. 90 a. 1
Ob die Seele gemacht wurde oder von der Substanz Gottes sei?
Quaestio 90 · Von der ersten Hervorbringung der menschlichen Seele
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele nicht gemacht wurde, sondern Gottes Substanz war. Denn es steht geschrieben (Gen 2,7): „Gott bildete den Menschen aus dem Schlamm der Erde und hauchte in sein Angesicht den Atem des Lebens, und der Mensch wurde zu einer lebendigen Seele.“ Wer aber haucht, sendet etwas von sich selbst aus. Also ist die Seele, durch die der Mensch lebt, von der göttlichen Substanz.
Einwand 2: Ferner, wie oben erklärt (Frage [75], Artikel [5]), ist die Seele eine einfache Form. Eine Form aber ist ein Akt. Also ist die Seele ein reiner Akt; was allein Gott zukommt. Also ist die Seele von Gottes Substanz.
Einwand 3: Ferner sind Dinge, die existieren und sich nicht unterscheiden, dasselbe. Gott und der Geist existieren aber und unterscheiden sich in keiner Weise, denn sie könnten nur durch gewisse Unterschiede unterschieden werden und wären so zusammengesetzt. Also sind Gott und der menschliche Geist dasselbe.
Dagegen spricht, dass Augustinus (De Orig. Animae iii, 15) gewisse Meinungen erwähnt, die er „überaus und offensichtlich pervers und dem katholischen Glauben entgegengesetzt“ nennt, unter denen die erste die Meinung ist, dass „Gott die Seele nicht aus dem Nichts, sondern aus sich selbst gemacht habe“.
Ich antworte darauf, Die Aussage, die Seele sei von der göttlichen Substanz, beinhaltet eine offensichtliche Unwahrscheinlichkeit. Denn wie aus dem Gesagten klar ist (Frage [77], Artikel [2]; Frage [79], Artikel [2]; Frage [84], Artikel [6]), befindet sich die menschliche Seele manchmal im Zustand der Potenz zum Akt der Erkenntnis – sie erwirbt ihr Wissen irgendwie von den Dingen – und hat somit verschiedene Kräfte; all dies ist unvereinbar mit der göttlichen Natur, welche ein reiner Akt ist – nichts von einem anderen empfängt – und keine Verschiedenheit in sich zulässt, wie wir bewiesen haben (Frage [3], Artikel [1],7; Frage [9], Artikel [1]).
Dieser Irrtum scheint aus zwei Aussagen der Alten entstanden zu sein. Denn jene, die zuerst begannen, die Natur der Dinge zu betrachten, und nicht über ihre Einbildungskraft hinausgehen konnten, nahmen an, dass nichts außer Körpern existiere. Daher sagten sie, Gott sei ein Körper, den sie als das Prinzip anderer Körper betrachteten. Und da sie der Meinung waren, die Seele sei von derselben Natur wie jener Körper, den sie als das erste Prinzip ansahen, wie in De Anima i, 2 dargelegt wird, folgte daraus, dass die Seele von der Natur Gottes selbst sei. Dieser Annahme folgend dachten auch die Manichäer, Gott sei körperliches Licht, und hielten die Seele für einen Teil jenes Lichtes, der an den Körper gebunden sei.
Dann wurde ein weiterer Schritt vorwärts gemacht, und einige vermuteten die Existenz von etwas Unkörperlichem, jedoch nicht getrennt vom Körper, sondern als Form eines Körpers; so sagte Varro: „Gott ist eine Seele, die die Welt durch Bewegung und Vernunft regiert“, wie Augustinus berichtet (De Civ. Dei vii, 6 [*Die zitierten Worte finden sich in iv, 31.]). So nahmen einige an, die Seele des Menschen sei ein Teil jener einen Seele, so wie der Mensch ein Teil der ganzen Welt ist; denn sie waren nicht fähig, so weit zu gehen, die verschiedenen Grade der geistigen Substanz zu verstehen, außer gemäß der Unterscheidung von Körpern.
Aber all diese Theorien sind unmöglich, wie oben bewiesen wurde (Frage [3], Artikel [1],8; und Frage [75], Artikel [1]), weshalb es offensichtlich falsch ist, dass die Seele von der Substanz Gottes ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Begriff „hauchen“ ist nicht im materiellen Sinne zu verstehen; sondern in Bezug auf den Akt Gottes ist „hauchen“ [spirare] dasselbe wie „einen Geist machen“. Überdies sendet der Mensch im materiellen Sinne durch das Atmen nichts von seiner eigenen Substanz aus, sondern etwas Fremdes.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl die Seele in ihrer Essenz eine einfache Form ist, ist sie doch nicht ihre eigene Existenz, sondern ein Seiendes durch Teilhabe, wie oben erklärt (Frage [75], Artikel [5], ad 4). Daher ist sie kein reiner Akt wie Gott.
Antwort auf Einwand 3: Was sich unterscheidet, unterscheidet sich eigentlich in etwas; weshalb wir den Unterschied dort suchen, wo wir auch Ähnlichkeit finden. Aus diesem Grund müssen Dinge, die sich unterscheiden, in gewisser Weise zusammengesetzt sein; da sie sich in etwas unterscheiden und in etwas einander ähneln. In diesem Sinne: Obwohl alles, was sich unterscheidet, verschieden ist, unterscheiden sich doch nicht alle Dinge, die verschieden sind. Denn einfache Dinge sind verschieden; doch unterscheiden sie sich nicht voneinander durch Unterschiede, die in ihre Zusammensetzung eingehen. Zum Beispiel unterscheiden sich ein Mensch und ein Pferd durch den Unterschied von vernünftig und unvernünftig; aber wir können nicht sagen, dass diese wiederum durch irgendeinen weiteren Unterschied differieren.