I, q. 86 a. 3
Ob unser Intellekt kontingente Dinge erkennen kann?
Quaestio 86 · Was unser Verstand in den materiellen Dingen erkennt.
Einwand 1: Es scheint, dass der Intellekt kontingente Dinge nicht erkennen kann: weil, wie der Philosoph sagt (Ethic. vi, 6), die Gegenstände des Verstehens, der Weisheit und des Wissens nicht kontingente, sondern notwendige Dinge sind.
Einwand 2: Ferner, wie in Phys. iv, 12 festgestellt wird: „Was manchmal ist und manchmal nicht ist, wird durch die Zeit gemessen.“ Nun abstrahiert der Intellekt von der Zeit und von anderen materiellen Bedingungen. Da es also einem kontingenten Ding eigen ist, manchmal zu sein und manchmal nicht zu sein, scheint es, dass kontingente Dinge nicht vom Intellekt erkannt werden.
Dagegen spricht, dass alles Wissen im Intellekt ist. Aber einige Wissenschaften handeln von kontingenten Dingen, wie die Moralwissenschaften, deren Gegenstände menschliche Handlungen sind, die dem freien Willen unterliegen; und wiederum die Naturwissenschaften, insofern sie sich auf gewordene und vergängliche Dinge beziehen. Also erkennt der Intellekt kontingente Dinge.
Ich antworte darauf, dass kontingente Dinge auf zwei Arten betrachtet werden können; entweder als kontingent oder als etwas Notwendiges enthaltend, da jedes kontingente Ding etwas Notwendiges in sich hat: zum Beispiel, dass Sokrates läuft, ist an sich kontingent; aber die Beziehung des Laufens zur Bewegung ist notwendig, denn es ist notwendig, dass Sokrates sich bewegt, wenn er läuft. Nun entsteht Kontingenz aus der Materie, denn Kontingenz ist ein Potenzial, zu sein oder nicht zu sein, und Potenzialität gehört zur Materie; wohingegen Notwendigkeit aus der Form resultiert, weil alles, was aus der Form folgt, notwendigerweise im Subjekt ist. Die Materie aber ist das individuierende Prinzip: wohingegen das Allgemeine aus der Abstraktion der Form von der partikulären Materie stammt. Überdies wurde oben (Artikel [1]) festgelegt, dass der Intellekt von sich aus und direkt das Allgemeine zum Objekt hat; während das Objekt des Sinnes das Einzelne ist, welches in gewisser Weise das indirekte Objekt des Intellekts ist, wie wir oben gesagt haben (Artikel [1]). Daher wird das Kontingente, als solches betrachtet, direkt durch den Sinn und indirekt durch den Intellekt erkannt; während die allgemeinen und notwendigen Prinzipien kontingenter Dinge nur durch den Intellekt erkannt werden. Wenn wir daher die Gegenstände der Wissenschaft in ihren allgemeinen Prinzipien betrachten, dann ist alle Wissenschaft von notwendigen Dingen. Wenn wir aber die Dinge selbst betrachten, so sind einige Wissenschaften von notwendigen Dingen, einige von kontingenten Dingen.
Woraus die Antworten auf die Einwände klar sind.