I, q. 86 a. 1
Ob unser Intellekt Einzeldinge erkennt?
Quaestio 86 · Was unser Verstand in den materiellen Dingen erkennt.
Einwand 1: Es scheint, dass unser Intellekt Einzeldinge erkennt. Denn wer eine Zusammensetzung erkennt, erkennt die Glieder der Zusammensetzung. Unser Intellekt aber erkennt diese Zusammensetzung: „Sokrates ist ein Mensch“; denn es kommt dem Intellekt zu, Sätze zu bilden. Also erkennt unser Intellekt dieses Einzelding, Sokrates.
Einwand 2: Ferner lenkt der praktische Intellekt zum Handeln hin. Das Handeln aber bezieht sich auf Einzeldinge. Also erkennt der Intellekt das Einzelne.
Einwand 3: Ferner versteht unser Intellekt sich selbst. In sich selbst aber ist er ein Einzelding, sonst hätte er keine eigene Tätigkeit; denn Tätigkeiten gehören Einzeldingen an. Also erkennt unser Intellekt Einzeldinge.
Einwand 4: Ferner kann eine höhere Kraft alles tun, was von einer niederen Kraft getan wird. Der Sinn aber erkennt das Einzelne. Umso mehr also kann der Intellekt es erkennen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Phys. i, 5), das „Allgemeine werde durch die Vernunft erkannt, das Einzelne aber durch den Sinn.“
Ich antworte darauf, dass unser Intellekt das Einzelne in materiellen Dingen nicht direkt und primär erkennen kann. Der Grund hierfür ist, dass das Prinzip der Singularität in materiellen Dingen die individuelle Materie ist, wohingegen unser Intellekt, wie oben gesagt wurde (Quaestio [85], Artikel [1]), durch Abstraktion der intelligiblen Spezies von solcher Materie versteht. Was aber von der individuellen Materie abstrahiert wird, ist das Allgemeine. Daher erkennt unser Intellekt direkt nur das Allgemeine. Indirekt aber, und gleichsam durch eine Art Reflexion, kann er das Einzelne erkennen, weil, wie oben gesagt wurde (Quaestio [85], Artikel [7]), der Intellekt auch nach der Abstraktion der intelligiblen Spezies, um tatsächlich zu verstehen, sich den Phantasmen zuwenden muss, in denen er die Spezies versteht, wie in De Anima iii, 7 gesagt wird. Daher versteht er das Allgemeine direkt durch die intelligible Spezies und indirekt das Einzelne, das durch das Phantasma dargestellt wird. Und auf diese Weise bildet er den Satz „Sokrates ist ein Mensch.“ Woraus die Antwort auf den ersten Einwand klar ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Wahl eines bestimmten Dinges, das getan werden soll, ist wie die Schlussfolgerung eines Syllogismus, der vom praktischen Intellekt gebildet wird, wie in Ethic. vii, 3 gesagt wird. Ein singulärer Satz kann aber aus einem universellen Satz nicht direkt gefolgert werden, außer durch das Medium eines singulären Satzes. Daher bewegt das universelle Prinzip des praktischen Intellekts nicht, außer durch das Medium der partikulären Auffassung des sensitiven Teils, wie in De Anima iii, 11 gesagt wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Intelligibilität ist mit dem Einzelnen nicht als solchem unvereinbar, sondern als materiellem, denn nichts kann anders als immateriell verstanden werden. Wenn es also ein immaterielles Einzelding gibt, wie den Intellekt, so gibt es keinen Grund, warum es nicht intelligibel sein sollte.
Antwort auf Einwand 4: Die höhere Kraft kann das, was die niedere Kraft kann, jedoch auf eine vorzüglichere Weise. Was daher der Sinn materiell und konkret erkennt, was bedeutet, das Einzelne direkt zu erkennen, das erkennt der Intellekt immateriell und abstrakt, was bedeutet, das Allgemeine zu erkennen.