I, q. 86 a. 2
Ob unser Intellekt das Unendliche erkennen kann?
Quaestio 86 · Was unser Verstand in den materiellen Dingen erkennt.
Einwand 1: Es scheint, dass unser Intellekt das Unendliche erkennen kann. Denn Gott übertrifft alle unendlichen Dinge. Unser Intellekt aber kann Gott erkennen, wie wir oben gesagt haben (Quaestio [12], Artikel [1]). Umso mehr also kann unser Intellekt alle anderen unendlichen Dinge erkennen.
Einwand 2: Ferner kann unser Intellekt von Natur aus „Gattungen“ und „Arten“ erkennen. Es gibt aber eine Unendlichkeit von Arten in einigen Gattungen, wie in der Zahl, der Proportion und der Figur. Also kann unser Intellekt das Unendliche erkennen.
Einwand 3: Ferner, wenn ein Körper mit einem anderen am selben Ort koexistieren kann, hindert nichts daran, dass eine unendliche Anzahl von Körpern an einem Ort ist. Aber eine intelligible Spezies kann mit einer anderen im selben Intellekt existieren, denn viele Dinge können habituell zur gleichen Zeit gewusst werden. Also kann unser Intellekt ein habituelles Wissen von einer unendlichen Anzahl von Dingen haben.
Einwand 4: Ferner, da der Intellekt kein körperliches Vermögen ist, wie wir gesagt haben (Quaestio [76], Artikel [1]), scheint er eine unendliche Kraft zu sein. Eine unendliche Kraft aber hat eine Kapazität für ein unendliches Objekt. Also kann unser Intellekt das Unendliche erkennen.
Dagegen spricht, dass gesagt wird (Phys. i, 4), „das Unendliche, als solches betrachtet, ist unbekannt.“
Ich antworte darauf, dass, da ein Vermögen und sein Objekt proportional zueinander sind, der Intellekt sich zum Unendlichen verhalten muss, wie sein Objekt, welches die Quiddität eines materiellen Dinges ist. In materiellen Dingen nun existiert das Unendliche nicht aktuell, sondern nur potentiell, in dem Sinne, dass eines auf das andere folgt, wie in Phys. iii, 6 gesagt wird. Daher ist die Unendlichkeit potentiell in unserem Geist, indem er sukzessive ein Ding nach dem anderen betrachtet: weil unser Intellekt niemals so viele Dinge versteht, dass er nicht noch mehr verstehen könnte.
Andererseits kann unser Intellekt das Unendliche weder aktuell noch habituell verstehen. Nicht aktuell, denn unser Intellekt kann nicht aktuell zur gleichen Zeit erkennen, außer was er durch eine Spezies erkennt. Das Unendliche aber wird nicht durch eine Spezies dargestellt, denn wäre dies der Fall, wäre es etwas Ganzes und Vollständiges. Folglich kann es nicht verstanden werden, außer durch eine sukzessive Betrachtung eines Teils nach dem anderen, wie aus seiner Definition klar wird (Phys. iii, 6): denn das Unendliche ist das, „von dem, wie viel auch immer wir wegnehmen mögen, immer noch etwas wegzunehmen bleibt.“ So könnte das Unendliche nicht aktuell erkannt werden, es sei denn, alle seine Teile würden gezählt: was unmöglich ist.
Aus demselben Grund können wir kein habituelles Wissen vom Unendlichen haben: weil in uns habituelles Wissen aus aktueller Betrachtung resultiert: da wir durch das Verstehen Wissen erwerben, wie in Ethic. ii, 1 gesagt wird. Daher wäre es uns nicht möglich, einen Habitus von einer Unendlichkeit deutlich erkannter Dinge zu haben, wenn wir nicht bereits deren gesamte Unendlichkeit betrachtet und sie gemäß der Abfolge unserer Erkenntnis gezählt hätten: was unmöglich ist. Und daher kann unser Intellekt weder aktuell noch habituell das Unendliche erkennen, sondern nur potentiell, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 1: Wie wir oben gesagt haben (Quaestio [7], Artikel [1]), wird Gott unendlich genannt, weil Er eine durch Materie unbegrenzte Form ist; wohingegen in materiellen Dingen der Begriff ‚unendlich‘ auf das angewendet wird, was irgendeiner formalen Begrenzung beraubt ist. Und da die Form in sich selbst erkannt wird, die Materie aber nicht ohne Form erkannt werden kann, folgt daraus, dass das materielle Unendliche an sich unerkennbar ist. Aber das formale Unendliche, Gott, ist aus sich selbst heraus bekannt; Er ist uns jedoch unbekannt aufgrund unseres schwachen Intellekts, der in seinem gegenwärtigen Zustand eine natürliche Eignung nur für materielle Objekte hat. Daher können wir Gott in unserem gegenwärtigen Leben nicht erkennen, außer durch materielle Wirkungen. Im zukünftigen Leben wird dieser Mangel des Intellekts durch den Zustand der Herrlichkeit behoben werden, wenn wir fähig sein werden, das Wesen Gottes selbst zu schauen, jedoch ohne Ihn begreifen (komprehendieren) zu können.
Antwort auf Einwand 2: Die Natur unseres Geistes ist es, von Phantasmen abstrahierte Spezies zu erkennen; daher kann er Spezies von Zahlen oder Figuren, die nicht in der Einbildungskraft sind, weder aktuell noch habituell erkennen, außer auf eine allgemeine Weise und in ihren universellen Prinzipien; und dies heißt, sie potentiell und verworren zu erkennen.
Antwort auf Einwand 3: Wenn zwei oder mehr Körper am selben Ort wären, gäbe es keine Notwendigkeit für sie, den Ort nacheinander einzunehmen, damit die platzierten Dinge gemäß dieser Abfolge der Einnahme gezählt werden könnten. Andererseits treten die intelligiblen Spezies nacheinander in unseren Intellekt ein; da viele Dinge nicht aktuell zur gleichen Zeit verstanden werden können: und daher muss es eine bestimmte und keine unendliche Anzahl von Spezies in unserem Intellekt geben.
Antwort auf Einwand 4: Wie unser Intellekt unendlich an Kraft ist, so erkennt er das Unendliche. Denn seine Kraft ist in der Tat unendlich, insofern sie nicht durch körperliche Materie begrenzt wird. Überdies kann er das Allgemeine erkennen, das von individueller Materie abstrahiert ist und das folglich nicht auf ein Individuum beschränkt ist, sondern, in sich selbst betrachtet, sich auf eine unendliche Anzahl von Individuen erstreckt.