I, q. 78 a. 1
Ob fünf Gattungen von Vermögen in der Seele zu unterscheiden sind?
Quaestio 78 · Von den Seelenvermögen im Besonderen
Einwand 1: Es scheint, dass nicht fünf Gattungen von Vermögen in der Seele zu unterscheiden sind – nämlich das vegetative, das sensitive, das appetitive, das ortsbewegende und das intellektuelle. Denn die Vermögen der Seele werden ihre Teile genannt. Aber gemeinhin werden nur drei Teile der Seele angegeben – nämlich die vegetative Seele, die sensitive Seele und die vernünftige Seele. Also gibt es nur drei Gattungen von Vermögen in der Seele und nicht fünf.
Einwand 2: Ferner sind die Vermögen der Seele die Prinzipien ihrer lebendigen Operationen. Nun wird aber auf vierfache Weise gesagt, dass ein Ding lebt. Denn der Philosoph sagt (De Anima ii, 2): „Auf mehrfache Weise wird gesagt, dass ein Ding lebt, und selbst wenn nur eines davon vorhanden ist, sagt man, das Ding lebe; wie Intellekt und Sinn, Ortsbewegung und Ruhe, und schließlich die Bewegung der Abnahme und Zunahme durch Nahrung.“ Daher gibt es nur vier Gattungen von Seelenvermögen, da das appetitive ausgeschlossen ist.
Einwand 3: Ferner sollte keine spezielle Art von Seele im Hinblick auf das bestimmt werden, was allen Vermögen gemeinsam ist. Nun ist das Begehren jedem Vermögen der Seele gemeinsam. Denn das Sehen begehrt ein angemessenes sichtbares Objekt; weshalb wir lesen (Sir 40,22): „Gunst und Schönheit begehrt das Auge, doch mehr als diese die grünen Saaten.“ In gleicher Weise begehrt jedes andere Vermögen sein angemessenes Objekt. Daher sollte das appetitive Vermögen nicht zu einer speziellen Gattung der Seelenvermögen gemacht werden.
Einwand 4: Ferner ist das bewegende Prinzip bei den Tieren der Sinn, der Intellekt oder der Appetit, wie der Philosoph sagt (De Anima iii, 10). Daher sollte das bewegende Vermögen den obigen nicht als eine spezielle Gattung der Seele hinzugefügt werden.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (De Anima ii, 3): „Die Vermögen sind das vegetative, das sensitive, das appetitive, das ortsbewegende und das intellektuelle.“
Ich antworte darauf, dass es fünf Gattungen von Seelenvermögen gibt, wie oben aufgezählt. Von diesen werden drei Seelen genannt, und vier werden Lebensweisen genannt. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt darin, dass die verschiedenen Seelen danach unterschieden werden, wie die Operation der Seele die Operation der körperlichen Natur auf verschiedene Weise übersteigt; denn die gesamte körperliche Natur ist der Seele unterworfen und verhält sich zu ihr wie ihre Materie und ihr Instrument. Es gibt also eine Operation der Seele, die die körperliche Natur so weit übersteigt, dass sie nicht einmal durch irgendein körperliches Organ vollzogen wird; und eine solche ist die Operation der „vernünftigen Seele“. Unterhalb dieser gibt es eine andere Operation der Seele, die zwar durch ein körperliches Organ vollzogen wird, aber nicht durch eine körperliche Qualität, und dies ist die Operation der „sensitiven Seele“; denn obwohl warm und kalt, feucht und trocken und andere derartige körperliche Qualitäten für die Arbeit der Sinne erforderlich sind, so sind sie doch nicht in der Weise erforderlich, dass die Operation der Sinne kraft solcher Qualitäten stattfindet, sondern nur für die angemessene Disposition des Organs. Die niedrigste der Operationen der Seele ist jene, die durch ein körperliches Organ und kraft einer körperlichen Qualität vollzogen wird. Doch übersteigt auch diese die Operation der körperlichen Natur; denn die Bewegungen von Körpern werden durch ein äußeres Prinzip verursacht, während diese Operationen aus einem inneren Prinzip stammen; denn dies ist allen Operationen der Seele gemeinsam, da jedes beseelte Ding sich in gewisser Weise selbst bewegt. Eine solche ist die Operation der „vegetativen Seele“; denn die Verdauung und was daraus folgt, wird instrumentell durch die Einwirkung von Wärme verursacht, wie der Philosoph sagt (De Anima ii, 4).
Nun werden die Vermögen der Seele gattungsmäßig durch ihre Objekte unterschieden. Denn je höher ein Vermögen ist, desto universeller ist das Objekt, auf das es sich erstreckt, wie wir oben gesagt haben (Frage [77], Artikel [3], ad 4). Aber das Objekt der Seelenoperation kann in dreifacher Ordnung betrachtet werden. Denn in der Seele gibt es ein Vermögen, dessen Objekt nur der Körper ist, der mit dieser Seele vereint ist; die Vermögen dieser Gattung werden „vegetativ“ genannt, denn das vegetative Vermögen wirkt nur auf den Körper, mit dem die Seele vereint ist. Es gibt eine andere Gattung in den Vermögen der Seele, welche ein universelleres Objekt betrachtet – nämlich jeden wahrnehmbaren Körper, nicht nur den Körper, mit dem die Seele vereint ist. Und es gibt noch eine weitere Gattung in den Vermögen der Seele, welche ein noch universelleres Objekt betrachtet – nämlich nicht nur den wahrnehmbaren Körper, sondern alles Seiende im Allgemeinen. Daher ist es offensichtlich, dass die beiden letzteren Gattungen der Seelenvermögen eine Operation haben, nicht bloß in Bezug auf das, was mit ihnen vereint ist, sondern auch auf etwas Äußeres. Da nun alles, was wirkt, in irgendeiner Weise mit dem Objekt vereint sein muss, worüber es wirkt, folgt notwendigerweise, dass dieses Äußere, welches das Objekt der Seelenoperation ist, sich auf zweifache Weise zur Seele verhalten muss. Erstens, insofern dieses Äußere eine natürliche Eignung besitzt, mit der Seele vereint zu werden und durch sein Abbild in der Seele zu sein. Auf diese Weise gibt es zwei Arten von Vermögen – nämlich das „sensitive“ in Bezug auf das weniger allgemeine Objekt, den wahrnehmbaren Körper; und das „intellektuelle“ in Bezug auf das allgemeinste Objekt, das universelle Sein. Zweitens, insofern die Seele selbst eine Neigung und Tendenz zu dem Äußeren hat. Und auf diese Weise gibt es wiederum zwei Arten von Vermögen in der Seele: eines – das „appetitive“ (begehrende) –, in Bezug auf welches die Seele auf etwas Äußeres als auf einen Zweck verwiesen wird, der in der Absicht das Erste ist; das andere – das „lokomotive“ (ortsbewegende) Vermögen –, in Bezug auf welches die Seele auf etwas Äußeres als auf das Ziel ihrer Operation und Bewegung verwiesen wird; denn jedes Tier wird bewegt, um seine Begierden und Absichten zu verwirklichen.
Die Lebensweisen werden gemäß den Graden der lebendigen Dinge unterschieden. Es gibt einige lebendige Dinge, in denen nur das vegetative Vermögen existiert, wie die Pflanzen. Es gibt andere, in denen mit dem vegetativen auch das sensitive, aber nicht das lokomotive Vermögen existiert; wie unbewegliche Tiere, z.B. Muscheln. Es gibt andere, die außer diesem auch lokomotive Vermögen haben, wie die vollkommenen Tiere, die viele Dinge für ihr Leben benötigen und folglich Bewegung, um das Lebensnotwendige aus der Ferne zu suchen. Und es gibt einige lebendige Dinge, die mit diesen das intellektuelle Vermögen haben – nämlich die Menschen. Aber das appetitive Vermögen begründet keinen Grad der lebendigen Dinge; denn wo immer Sinn ist, da ist auch Appetit (De Anima ii, 3).
Damit sind die ersten beiden Einwände gelöst.
Antwort auf Einwand 3: Der „natürliche Appetit“ ist jene Neigung, die jedes Ding seiner eigenen Natur nach zu etwas hat; weshalb durch seinen natürlichen Appetit jedes Vermögen etwas begehrt, das ihm angemessen ist. Aber der „tierische Appetit“ folgt aus der erfassten Form; diese Art von Appetit erfordert ein spezielles Vermögen der Seele – bloße Erfassung genügt nicht. Denn ein Ding wird begehrt, wie es in seiner eigenen Natur existiert, wohingegen es im erfassenden Vermögen nicht gemäß seiner eigenen Natur, sondern gemäß seinem Abbild existiert. Daher ist klar, dass das Sehen natürlicherweise ein sichtbares Objekt nur zum Zweck seines Aktes begehrt – nämlich zum Zweck des Sehens; aber das Tier begehrt durch das appetitive Vermögen das gesehene Ding nicht bloß zum Zweck, es zu sehen, sondern auch für andere Zwecke. Wenn aber die Seele die durch die Sinne wahrgenommenen Dinge nicht benötigte, außer wegen der Handlungen der Sinne, das heißt, um sie wahrzunehmen, gäbe es keinen Bedarf für eine spezielle Gattung von appetitiven Vermögen, da der natürliche Appetit der Vermögen genügen würde.
Antwort auf Einwand 4: Obwohl Sinn und Appetit Prinzipien der Bewegung bei vollkommenen Tieren sind, so genügen Sinn und Appetit als solche doch nicht, um Bewegung zu verursachen, wenn nicht ein anderes Vermögen zu ihnen hinzukommt; denn unbewegliche Tiere haben Sinn und Appetit, und doch haben sie nicht das Vermögen der Bewegung. Nun ist dieses bewegende Vermögen nicht nur im Appetit und Sinn als das die Bewegung befehlende, sondern auch in den Teilen des Körpers, um sie dem Appetit der Seele, die sie bewegt, gehorchen zu lassen. Ein Zeichen dafür haben wir in der Tatsache, dass, wenn die Glieder ihrer natürlichen Disposition beraubt sind, sie sich nicht im Gehorsam gegenüber dem Appetit bewegen.