I, q. 7 a. 2
Ob etwas anderes außer Gott wesenhaft unendlich sein kann?
Quaestio 7 · Die Unendlichkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass etwas anderes außer Gott wesenhaft unendlich sein kann. Denn die Kraft eines jeden Dinges verhält sich proportional zu seinem Wesen. Wenn nun das Wesen Gottes unendlich ist, muss auch Seine Kraft unendlich sein. Daher kann Er eine unendliche Wirkung hervorbringen, da der Umfang einer Kraft durch ihre Wirkung erkannt wird.
Einwand 2: Ferner, was unendliche Kraft hat, hat ein unendliches Wesen. Nun hat der geschaffene Intellekt eine unendliche Kraft; denn er erfasst das Allgemeine, das sich auf eine Unendlichkeit von einzelnen Dingen erstrecken kann. Daher ist jede geschaffene intellektuelle Substanz unendlich.
Einwand 3: Ferner ist die erste Materie etwas anderes als Gott, wie oben gezeigt wurde (Frage 3, Artikel 8). Aber die erste Materie ist unendlich. Also kann etwas außer Gott unendlich sein.
Dagegen spricht: Das Unendliche kann keinen Anfang haben, wie in Phys. III gesagt wird. Aber alles außerhalb Gottes ist von Gott als von seinem ersten Prinzip. Daher kann außer Gott nichts unendlich sein.
Ich antworte darauf, dass Dinge außer Gott relativ unendlich sein können, aber nicht absolut unendlich. Denn in Bezug auf das Unendliche, wie es auf die Materie angewandt wird, ist es offenkundig, dass alles aktuell Existierende eine Form besitzt; und so ist seine Materie durch die Form bestimmt. Aber weil die Materie, betrachtet als unter einer substanziellen Form existierend, in Potenz zu vielen akzidentellen Formen bleibt, kann das, was absolut endlich ist, relativ unendlich sein; wie zum Beispiel Holz seiner eigenen Form nach endlich ist, aber dennoch relativ unendlich ist, insofern es in Potenz zu einer unendlichen Anzahl von Gestalten ist. Wenn wir aber vom Unendlichen in Bezug auf die Form sprechen, ist es offenkundig, dass jene Dinge, deren Formen in Materie sind, absolut endlich und in keiner Weise unendlich sind. Wenn jedoch irgendwelche geschaffenen Formen nicht in Materie empfangen werden, sondern selbstständig sind, wie einige meinen, dass es bei den Engeln der Fall ist, so werden diese relativ unendlich sein, insofern solche Arten von Formen nicht durch irgendeine Materie begrenzt noch eingeengt werden. Aber weil eine so subsistierende geschaffene Form Sein hat und doch nicht ihr eigenes Sein ist, folgt daraus, dass ihr Sein empfangen und auf eine bestimmte Natur eingeengt ist. Daher kann sie nicht absolut unendlich sein.
Antwort auf Einwand 1: Es ist gegen die Natur eines gemachten Dinges, dass sein Wesen sein Sein ist; weil selbstständiges Sein kein geschaffenes Sein ist; daher ist es gegen die Natur eines gemachten Dinges, absolut unendlich zu sein. Daher, wie Gott, obwohl Er unendliche Macht hat, nicht machen kann, dass ein Ding nicht gemacht ist (denn dies würde implizieren, dass zwei Widersprüche zur gleichen Zeit wahr sind), so kann Er auch nicht machen, dass irgendetwas absolut unendlich ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Tatsache, dass die Kraft des Intellekts sich in gewisser Weise auf unendlich viele Dinge erstreckt, liegt daran, dass der Intellekt eine Form ist, die nicht in Materie ist, sondern entweder gänzlich von Materie getrennt, wie die engelhafte Substanz, oder zumindest eine intellektuelle Kraft, die nicht der Akt irgendeines Organs ist, in der intellektuellen Seele, die mit einem Körper verbunden ist.
Antwort auf Einwand 3: Die erste Materie existiert nicht für sich selbst in der Natur, da sie nicht aktuell seiend ist, sondern nur potenziell; daher ist sie eher etwas Mitgeschaffenes als etwas Geschaffenes. Dennoch ist die erste Materie selbst als Potenz nicht absolut unendlich, sondern relativ, weil ihre Potenz sich nur auf natürliche Formen erstreckt.