I, q. 7 a. 1
Ob Gott unendlich ist?
Quaestio 7 · Die Unendlichkeit Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht unendlich ist. Denn alles Unendliche ist unvollkommen, wie der Philosoph sagt; weil es Teile und Materie hat, wie in Phys. III gesagt wird. Gott aber ist höchst vollkommen; also ist Er nicht unendlich.
Einwand 2: Ferner gehören nach dem Philosophen (Phys. I) Endliches und Unendliches zur Quantität. In Gott aber gibt es keine Quantität, denn Er ist kein Körper, wie oben gezeigt wurde (Frage 3, Artikel 1). Also kommt es Ihm nicht zu, unendlich zu sein.
Einwand 3: Ferner ist das, was so hier ist, dass es nicht anderswo ist, dem Ort nach endlich. Daher ist das, was so ein Ding ist, dass es nicht ein anderes Ding ist, der Substanz nach endlich. Gott aber ist dieser und kein anderer; denn Er ist nicht Stein oder Holz. Also ist Gott der Substanz nach nicht unendlich.
Dagegen spricht, dass der Damaszener sagt (De Fide Orth. i, 4): „Gott ist unendlich und ewig und unermesslich.“
Ich antworte darauf, dass alle alten Philosophen dem ersten Prinzip Unendlichkeit zuschreiben, wie in Phys. III gesagt wird, und das mit Recht; denn sie bedachten, dass die Dinge unendlich aus dem ersten Prinzip hervorströmen. Da aber einige hinsichtlich der Natur des ersten Prinzips irrten, irrten sie infolgedessen auch hinsichtlich seiner Unendlichkeit; insofern sie nämlich behaupteten, die Materie sei das erste Prinzip, schrieben sie dem ersten Prinzip folglich eine materielle Unendlichkeit zu, in dem Sinne, dass irgendein unendlicher Körper das erste Prinzip der Dinge sei.
Wir müssen daher bedenken, dass ein Ding unendlich genannt wird, weil es nicht endlich [begrenzt] ist. Nun wird die Materie in gewisser Weise durch die Form begrenzt, und die Form durch die Materie. Die Materie wird in der Tat durch die Form begrenzt, insofern die Materie, bevor sie ihre Form empfängt, in Potenz zu vielen Formen ist; wenn sie aber eine Form empfängt, wird sie durch diese eine bestimmt. Wiederum wird die Form durch die Materie begrenzt, insofern die Form, an sich betrachtet, vielen gemeinsam ist; aber wenn sie in der Materie empfangen wird, wird die Form auf dieses eine bestimmte Ding festgelegt. Nun wird die Materie durch die Form vervollkommnet, durch die sie begrenzt wird; daher hat das Unendliche, wie es der Materie zugeschrieben wird, die Natur von etwas Unvollkommenem; denn es ist gleichsam formlose Materie. Andererseits wird die Form nicht durch die Materie vervollkommnet, sondern vielmehr durch die Materie eingeengt; und daher hat das Unendliche, betrachtet von Seiten der Form, die nicht durch Materie bestimmt ist, die Natur von etwas Vollkommenem. Nun ist das Sein das Formellste von allem, wie aus dem hervorgeht, was oben gezeigt wurde (Frage 4, Artikel 1, Einwand 3). Da also das göttliche Sein kein in etwas empfangenes Sein ist, sondern Er sein eigenes selbstständiges Sein ist, wie oben gezeigt wurde (Frage 3, Artikel 4), ist es klar, dass Gott selbst unendlich und vollkommen ist.
Daraus ergibt sich die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Die Quantität wird durch ihre Form begrenzt, was man daran sehen kann, dass eine Figur, die in begrenzter Quantität besteht, eine Art quantitativer Form ist. Daher ist das Unendliche der Quantität das Unendliche der Materie; eine solche Art von Unendlichkeit kann Gott nicht zugeschrieben werden, wie oben in diesem Artikel gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Die Tatsache, dass das Sein Gottes selbstständig ist, nicht in einem anderen empfangen, und Er so unendlich genannt wird, zeigt, dass Er von allen anderen Wesen unterschieden ist und alle anderen von Ihm getrennt sind. Ebenso würde, gäbe es so etwas wie eine selbstständige Weiße, allein die Tatsache, dass sie nicht in etwas anderem existierte, sie von jeder anderen Weiße unterscheiden, die in einem Subjekt existiert.