I, q. 65 a. 2
Ob die körperlichen Dinge um der Güte Gottes willen gemacht wurden?
Quaestio 65 · Das Werk der Schöpfung der körperlichen Geschöpfe
Einwand 1: Es scheint, dass die körperlichen Geschöpfe nicht um der Güte Gottes willen gemacht wurden. Denn es heißt (Weish 1,14), dass Gott „alles geschaffen hat, damit es sei“. Also wurden alle Dinge um ihres eigenen Seins willen geschaffen und nicht um der Güte Gottes willen.
Einwand 2: Ferner hat das Gute die Natur eines Ziels; daher ist das größere Gut in den Dingen das Ziel des geringeren Gutes. Die geistigen Geschöpfe aber verhalten sich zu den körperlichen Geschöpfen wie das größere Gut zum geringeren. Die körperlichen Geschöpfe sind also um der geistigen Geschöpfe willen geschaffen und nicht um der Güte Gottes willen.
Einwand 3: Ferner gibt die Gerechtigkeit ungleiche Dinge nur den Ungleichen. Nun ist Gott gerecht: Daher muss eine Ungleichheit, die nicht von Gott geschaffen ist, aller von Ihm geschaffenen Ungleichheit vorausgehen. Aber eine nicht von Gott geschaffene Ungleichheit kann nur aus dem freien Willen entstehen, und folglich resultiert alle Ungleichheit aus den verschiedenen Bewegungen des freien Willens. Nun sind die körperlichen Geschöpfe den geistigen Geschöpfen ungleich. Daher wurden erstere aufgrund der Bewegungen des freien Willens gemacht und nicht um der Güte Gottes willen.
Dagegen spricht, dass es heißt (Spr 16,4): „Der Herr hat alles um seiner selbst willen gemacht.“
Ich antworte darauf, dass Origenes [*Peri Archon ii.] festlegte, die körperlichen Geschöpfe seien nicht gemäß dem ursprünglichen Vorsatz Gottes gemacht, sondern zur Strafe für die Sünde der geistigen Geschöpfe. Denn er behauptete, Gott habe am Anfang nur geistige Geschöpfe gemacht, und zwar alle von gleicher Natur; von diesen aber hätten sich durch den Gebrauch des freien Willens einige Gott zugewandt und hätten, gemäß dem Maß ihrer Bekehrung, einen höheren oder niedrigeren Rang erhalten, wobei sie ihre Einfachheit bewahrten; andere hingegen hätten sich von Gott abgewandt und seien an verschiedene Arten von Körpern gebunden worden, gemäß dem Grad ihrer Abwendung. Aber diese Position ist irrig. Erstens, weil sie der Schrift widerspricht, die nach der Erzählung der Hervorbringung jeder Art von körperlichen Geschöpfen anfügt: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1), als wollte sie sagen, dass alles ins Dasein gebracht wurde aus dem Grund, dass es gut für es war, zu sein. Nach der Meinung des Origenes aber wurde das körperliche Geschöpf nicht gemacht, weil es gut war, dass es sei, sondern damit das Böse in einem anderen bestraft werde. Zweitens, weil daraus folgen würde, dass die Anordnung der körperlichen Welt, die jetzt besteht, aus bloßem Zufall entstünde. Denn wäre der Körper der Sonne so gemacht, wie er ist, damit er als eine für irgendeine Sünde eines geistigen Geschöpfes angemessene Strafe diene, so würde folgen, dass, wenn andere geistige Geschöpfe auf dieselbe Weise gesündigt hätten wie jenes, zu dessen Bestrafung die Sonne geschaffen wurde, viele Sonnen in der Welt existieren würden; und ebenso bei anderen Dingen. Eine solche Konsequenz ist aber gänzlich unzulässig. Daher müssen wir diese Theorie als falsch beiseitelegen und bedenken, dass das gesamte Universum aus allen Geschöpfen gebildet wird, wie ein Ganzes aus seinen Teilen besteht.
Wenn wir nun einem Ganzen und den Teilen dieses Ganzen ein Ziel zuweisen wollen, so werden wir finden: erstens, dass jeder einzelne Teil um seines eigenen Aktes willen existiert, wie das Auge für den Akt des Sehens; zweitens, dass weniger edle Teile für die edleren existieren, wie die Sinne für den Intellekt, die Lungen für das Herz; und drittens, dass alle Teile für die Vollkommenheit des Ganzen sind, wie die Materie für die Form, da die Teile gewissermaßen die Materie des Ganzen sind. Weiterhin ist der ganze Mensch um eines äußeren Zieles willen da, wobei dieses Ziel der Genuss Gottes ist. So existiert also auch in den Teilen des Universums jedes Geschöpf für seinen eigenen Akt und seine eigene Vollkommenheit, und die weniger edlen für die edleren, wie jene Geschöpfe, die weniger edel sind als der Mensch, um des Menschen willen existieren, während jedes einzelne Geschöpf für die Vollkommenheit des gesamten Universums existiert. Weiterhin ist das gesamte Universum mit all seinen Teilen auf Gott als sein Ziel hingeordnet, insofern es die göttliche Güte gewissermaßen nachahmt und zur Ehre Gottes darstellt. Vernunftbegabte Geschöpfe jedoch haben Gott auf eine besondere und höhere Weise als ihr Ziel, da sie Ihn durch ihre eigenen Operationen, durch Erkennen und Lieben, erreichen können. So ist es offensichtlich, dass die göttliche Güte das Ziel aller körperlichen Dinge ist.
Antwort auf Einwand 1: In der bloßen Tatsache, dass irgendein Geschöpf das Sein besitzt, repräsentiert es das göttliche Sein und dessen Güte. Und deshalb schließt die Tatsache, dass Gott alle Dinge schuf, damit sie Sein hätten, nicht aus, dass Er sie für Seine eigene Güte schuf.
Antwort auf Einwand 2: Das nächste Ziel schließt das letzte Ziel nicht aus. Dass also die körperlichen Geschöpfe in gewisser Weise um der geistigen willen gemacht wurden, hindert nicht, dass sie um der Güte Gottes willen gemacht wurden.
Antwort auf Einwand 3: Die Gleichheit der Gerechtigkeit hat ihren Platz in der Vergeltung, da gleiche Belohnungen oder Strafen gleichem Verdienst oder Missverdienst geschuldet sind. Dies gilt aber nicht für die Dinge, wie sie zuerst eingerichtet wurden. Denn so wie ein Baumeister ohne Ungerechtigkeit Steine derselben Art an verschiedenen Stellen eines Gebäudes platziert, nicht aufgrund irgendeines vorhergehenden Unterschieds in den Steinen, sondern im Hinblick auf die Sicherung jener Vollkommenheit des gesamten Gebäudes, die nicht anders als durch die verschiedenen Positionen der Steine erreicht werden könnte; ebenso hat Gott von Anfang an, um die Vollkommenheit im Universum zu sichern, Geschöpfe von verschiedener und ungleicher Natur hineingesetzt, gemäß Seiner Weisheit und ohne Ungerechtigkeit, da keine Verschiedenheit des Verdienstes vorausgesetzt wird.